München / Günter Keil Deepa Anapparas Roman „Die Detektive vom Bhoot-Basar“ ist ein Lesespaß.

Nach dampfenden Süßkartoffelwürfeln, bestrichen mit Masala und Limonensaft, scheint dieses Buch zu riechen. Oder nach Maiskolben, die auf glühenden Kohlen gegrillt werden. Denn Deepa Anappara fängt in ihrem Roman „Die Detektive vom Bhoot-Basar“ die Gerüche und Geräusche ihrer indischen Heimat ein. Motorroller knattern, Hunde bellen, Fernseher und Babys plärren um die Wette. Mit Atemschutzmasken versuchen sich die Menschen, vor dem Smog zu schützen. Da Anapparas funkelnde Geschichte in einem Armenviertel (Basti) spielt, spielen gelegentlich auch die Gerüche der nahegelegenen Müllkippe und der gemeinschaftlichen Toilettenanlage eine Rolle.

Der neunjährige Jai lebt mit seinen Eltern und seiner Schwester inmitten des engen, lauten Soziotops: „Wir wohnen in einem Basti, deshalb hat unser Haus bloß ein Zimmer. Papa sagt immer, dass es in diesem Zimmer alles gibt, was wir für unser Glück brauchen. Damit meint er Didi, mich und Mama und nicht den Fernseher, unseren wertvollsten Besitz.“

Jai sitzt zwar lieber vor der Glotze als zu lernen, aber er streunt oft neugierig durch die Gassen, schnappt Gespräche und Konflikte auf und macht sich ein präzises Bild von seiner Nachbarschaft. Besorgt beobachtet er, wie korrupte Polizisten Schmiergelder erpressen und mit dem Abriss der illegal erbauten Häuser drohen.

Deepa Anappara porträtiert ihren Ich-Erzähler als sympathischen und schelmischen Jungen, der ständig Krimis und Polizei-Dokus guckt, und deswegen glaubt, selbst ein guter Detektiv zu sein. Prompt gibt es einen aktuellen Anlass für Jai, aktiv zu werden: Omvir und Bahadur, zwei Kinder aus dem Viertel, sind verschwunden. Jai überredet seine Freundin Pari und seinen Kumpel Faiz, mit ihm zu ermitteln. Die drei Hobbydetektive befragen die Eltern der Verschwundenen und recherchieren im verwinkelten Bhoot-Basar. Dort wimmelt es vor skurrilen Händlern, zwielichtigen Gestalten und Straßenkötern. Im Verlauf der turbulenten Handlung verschwinden noch vier weitere Kinder, aus deren Perspektiven Deepa Anappara in kurzen Einschüben erzählt.

Kastendenken und Armut

Der bunte Kriminalfall wirkt von Beginn an wie ein realistisches Gesellschaftsporträt. Denn Jai, der Neunjährige, erzählt nicht nur von seinem Alltag im Basti, von seinen Träumen und Ängsten. Sondern auch von sozialen und religiösen Spannungen, Kastendenken und Kinderarbeit im heutigen Indien. Dass Deepa Anappara diese Mischung aus Unterhaltung und Dokumentation gelingt, ist erstaunlich. Jedoch kein Wunder, denn die in Kerala geborene Metapher-Meisterin schrieb elf Jahre lang als Journalistin Sozialreportagen.

Wie sich Armut, Ungerechtigkeit und Gewalt anfühlen und auswirken, weiß Anappara aus zahlreichen Gesprächen mit benachteiligten Kindern. Ihre Interviewpartner scheinen jedoch nicht ihre Lebensfreude und Vitalität verloren zu haben – Anapparas Figuren macht ihr Abenteuer jede Menge Spaß. Günter Keil