In den Rauhnächten, so erzählt man sich, haben die Geister und Dämonen Ausgang. Laura Lichtblaus beeindruckender Debütroman „Schwarzpulver“ spielt in diesen Tagen zwischen den Jahren, aber ihre Protagonisten haben ganz andere Probleme: Sie ringen um ein selbstbestimmtes, freies Leben, während Deutschland sich in eine (Partei-)Diktatur der reaktionären Spießer und Rassisten verwandelt, in der eine Bürgerwehr für Recht und Ordnung sorgen soll.

„Schwarzpulver“ ist aus der Perspektive dreier Personen erzählt: Elisa, genannt Burschi, schlägt sich in der Großstadt als Betreuerin eines senilen Ehepaars durch. Charlie träumt von einer Karriere als Hip-Hop-Star, ist aber als unbezahlter Praktikant bei einem Rap-Label nur das Mädchen für alles. Charlotte, seine Mutter, hatte früher einen Keramikladen, jetzt aber ist sie Scharfschützin bei der Bürgerwehr.

Jede Figur hat ihren eigenen Ton

Lichtblau, Jahrgang 1985, geboren in München, wohnhaft in Berlin, verwebt die Leben der drei Figuren geschickt miteinander, gibt jeder einen individuellen Ton. So zeigt sich bei Burschi ihre bayerische Herkunft, aus Charlotte spricht ihr Alkoholkonsum. Beängstigend realistisch flicht sie in ganz normale Situationen Fetzen der post-liberalen Gesellschaft ein: Da freut sich der Bürgerwehr-Kollege bei Grünkohl in der Kantine darüber, dass seine Tochter in der Schule nicht mehr „den ganzen Blödsinn mit den Zwischendingern“ lernen müsse, „als würden Mann und Frau nicht reichen“, der Parteivorsitzende schwärmt von einer Plattform, auf der alleinerziehende Frauen wieder verpartnert und zu weiteren Schwangerschaften motiviert werden sollen. Deutschland, ein Zuchtbetrieb.

In diese Realität bricht das Übersinnliche der Rauhnächte ein, im Dionysischen, Lebensbejahenden, Weiblichen liegt die Hoffnung für Menschen – die Dämonen stehen für das menschliche Streben nach Freiheit, das sich nicht einfach von einer Partei und einer Bürgerwehr stoppen lässt. Diese Hoffnung bleibt freilich nur ein Schimmer, eine vage Ahnung für die Zukunft. Zuerst steuert die Handlung allerdings auf eine Katastrophe zu. Doch Laura Lichtblau erzählt die Geschichte mit sanfter Ironie und einprägsamen Bildern so, dass die Düsternis nicht in Ausweglosigkeit kippt. Marcus Golling