Ulm / Jürgen Kanold Wann sind zumindest klein besetzte Theateraufführungen im Land wieder erlaubt? Der Masterplan Kultur des baden-württembergischen Kunstministeriums muss erst noch das Kabinett passieren. Von Jürgen Kanold

Als ob er es geahnt hätte. Ein Spielzeitmotto im Konjunktiv II hatte Intendant Burkhard C. Kosminiski fürs Schauspiel Stuttgart ausgegeben: „Als ob es ein Morgen gäbe“. Neue Texte sollten von „Zukunfts- und Abstiegsängsten, vom Verlust alter Zugehörigkeiten und dem Erodieren des sozialen Zusammenhalts“ erzählen. Nur, dass der reguläre Spielbetrieb auch an den Staatstheatern der Landeshauptstadt schon seit Mitte März wegen der Corona-Krise eingestellt und die Saison gelaufen ist. Das Thema aber ist aktueller denn je. Keiner weiß freilich, wann und wie die Theater wieder spielen werden. Und die Zukunfts- und Abstiegsängste betreffen die Kultur, die nicht die größte Lobby hat, jetzt selbst existenziell.

Mittlerweile läuft der Pro­fi-Fußball, empfangen Restaurants Gäste, die Deutschen dürfen vom Urlaub träumen, selbst auf Mallorca. Museen haben zwar wieder geöffnet, aber die Theater und Kinos sind nach wie vor geschlossen, ganz zu schweigen von den Nöten der Konzertbranche. Peter Maffay und viele andere Stars haben gerade in einem offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel die Folgen des Shutdowns beklagt: 130 000 Arbeitsplätze seien allein in dieser Veranstaltungsbranche in Gefahr.

Im Stufenplan der baden-württembergischen Landesregierung zur Corona-Lockerung belegen Musikfestivals und Theater gemeinsam mit dem Prostitutionsgewerbe den letzten Platz. Es sind dann doch bundesweit rund 1,2 Millionen Kulturschaffende, die von der Pandemie betroffen sind – und jene am heftigsten, die frei arbeiten und deshalb vor dem Nichts stehen. Was sind die Perspektiven? In einem sechsseitigen Konzept-Papier für die Kanzlerin und die Länderchefs sprechen sich die Kunstminister der Republik „für mehr kulturelles Leben“ in der Krise aus, Kulturstaatsministerin Monika Grütters setzt auf ein „Rettungs- und Zukunftspaket“ des Bundes, das hilft, die deutsche Kulturlandschaft „in ihrer ganzen Vielfalt“ zu erhalten.

In Baden-Württemberg hat das Kunstministerium mit einem „Masterplan Kultur“ für Zuversicht gesorgt: Nicht nur, dass der Probenbetrieb wieder für mehr als fünf Akteure erlaubt ist. Noch wichtiger: Künstlerische Veranstaltungsformate mit weniger als 100 Beteiligten sollen von Pfingsten an (1. Juni) wieder möglich sein. Darunter fallen etwa Liederabende und Lesungen, Kammermusik, Kleinkunst, Tanz- und Theateraufführungen in kleiner Besetzung oder auch Kinovorführungen.

Das Problem: Die rechtlichen Voraussetzungen dafür sind in der neuesten Corona-Verordnung des Landes noch nicht geschaffen. Die im Masterplan angekündigten Regelungen sollen erst am 26. Mai das Kabinett passieren; bis 5. Juni gelten die Kontaktbeschränkungen und bleiben die Theater zu. Die Bühnen, die sich vorbereiten und das Publikum mobilisieren müssen, beklagen die Planungsunsicherheit.

Und schon macht das Konzept einer Arbeitsgruppe der Landesregierung die Runde, dass von 1. August an Veranstaltungen mit bis zu 1000 Personen möglich sein sollen. Andererseits beklagt etwa Ulrich von Kirchbach, Kulturbürgermeister in Freiburg und Landesvorsitzender des Deutschen Bühnenvereins, „das Unding“, dass zwar nach den Pfingstferien der Präsenzunterricht an den Schulen rollierend wieder aufgenommen werde, den Schülern aber noch bis Ende des Jahres der Besuch von Kinder- und Jugendtheatern verboten sei. Ein Wirrwarr an Verordnungen und in der Konsequenz nicht immer nachvollziehbar.

Schwierige Abstandsregel

Ideen und Pläne haben die Theatermacher viele, die Frage ist aber auch, vor welchem Publikum sie spielen dürfen. Bei einem Abstand zwischen den Zuschauern von zwei Metern müssen zwei bis drei Plätze und jede zweite Reihe frei bleiben, das Stuttgarter Schauspielhaus etwa könnte so nur 80 Plätze vergeben, ein Achtel der Kapazität.

So werden neue Formate entwickelt, neue Spielorte gesucht. Für Albert Bauer, der das kleine, private, von einem Verein getragene Theater Ravensburg leitet, bietet der Masterplan aber keine Perspektive. Er dürfe in seinem 150 Plätze fassenden Haus nur 15 Zuschauern Einlass gewähren. „Ein absoluter Witz“, sagt er: „Die Gesundheit geht vor, aber diese Verordnung bedeutet praktisch ein Berufsverbot, so können wir künstlerisch und ökonomisch nicht bestehen.“ Bauer hat jetzt die Saison für beendet erklärt, seine Schauspieler müssen sich mit der Corona-Soforthilfe durchschlagen. Vielleicht, so hofft er, kann das Theater Ravensburg im August in Biergärten auftreten, um ein größeres Publikum zu finden. Eine andere Möglichkeit sei, mit anderen Kultureinrichtungen eine große Halle zu bespielen.

Ans Eingemachte geht es zuerst bei den Privatbühnen. Die Ravensburger müssen 60 Prozent ihres Budgets selbst erwirtschaften. Bauer rechnet vor: Wenn die Stadt jetzt in der Corona-Krise ihre Förderung von 182 000 Euro reduziere oder nicht auszahle, weil der Spielbetrieb ruhe, sei das Theater schnell am Ende.

40

Millionen Euro soll das Notprogramm für Kunst und Kultur umfassen, das die baden-württembergische Kunstministerin Theresia Bauer aus der Corona-Rücklage auflegen will.