Ulm / Von Jürgen Kanold Das Schauspiel mit den meisten Zuschauern? Kein Goethe, sondern ein Karl May. Was die Werkstatistik des Bühnenvereins so alles erzählt. Von Jürgen Kanold

William Shakespeare, klar, den kennt jeder. „Romeo und Julia“, „Hamlet”, „Richard III.” und anderes mehr. Der schon vor 403 Jahren gestorbene Shakespeare jedenfalls beherrschte in der Saison 2017/2018 die Schauspielbühnen in Deutschland: der Autor mit den meisten Zuschauern (404 656), den meisten Inszenierungen seiner Stücke (100) und den meisten Aufführungen (1178). Keine Überraschung. Aber wer ist Michael Stamp? Und wer Jochen Bludau?

Die beiden leben noch, schreiben vielleicht keine Klassiker, aber doch Publikumserfolge. So wahnsinnig erfindungsreiche Literaten sind sie auch nicht – doch sie bringen Karl May auf die Bühne. „Winnetou und das Geheimnis der Felsenburg“, dramatisiert von Stamp, war mit 388 910 Zuschauern das Erfolgsstück der Saison – gespielt bei den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg. Und weil auch in Elspe (Sauerland) auf einer Freilichtspiele Indianer und Cowboys gut gehen, liegt Bludaus „Winnetou 2“ mit 221 000 Zuschauern auf Platz drei.

Dazwischen: „Ruf der Freiheit“, geschrieben von einem Autoren-Trio, nämlich Anna-Theresa Hick, Peter Hick und Marco Bahr. Was sich hinter diesem Titel verbirgt? Ein Abenteuer der Störtebeker-Festspiele auf Rügen. Dann erst, auf Platz 4, kommt Goethes „Faust“ in den Zuschauer-Charts. Dafür allerdings ist der „Faust“ das Schauspiel-Stück mit den meisten Inszenierungen (25), gefolgt von Ferdinand von Schirachs „Terror“ (23). Was auch spannend ist: Der schreibende Rechtsanwalt hat zwar nur ein Stück auf dem Markt, steht aber trotzdem auf Platz 10 in der Liste der Autoren mit den höchsten Aufführungszahlen: 294 sind es. Friedrich Schiller und Bertolt Brecht bringen es mit großem Repertoire auch nur auf 535 beziehungsweise 526.

Der Deutsche Bühnenverein ist der Arbeitgeberverband der Theater und Orchester. Er sammelt jährlich die Zahlen ein und gibt, mit gebührend gründlicher Verspätung, eine Werkstatistik heraus. Die Saison 2017/2018 ist jetzt also abgerechnet, auf der Basis der Meldungen von insgesamt 386 Bühnen. Und das sind aufschlussreiche Zahlen in einem Gewerbe, das eher aufs gesprochene oder gesungene Wort setzt – und dennoch gut rechnen muss, um sich zu finanzieren und sein Publikum zu halten.

Gesellschaftlich relevant ist die Bühnenkunst allemal: Fast 23 Millionen Zuschauer haben die Theater in Deutschland erreicht, ungefähr so viele wie in der vorangegangenen Spielzeit. Das sind dann immerhin deutlich mehr als es Fuß­ball-Fans in den Stadien der 1. und der 2. Bundesliga waren: 18,8 Millionen.

Was die Werkstatistik auch dokumentiert, ist, dass Frauen keine große Rolle spielen. Im Schauspiel finden sich zumindest zwei Namen unter den zehn meist­inszenierten Autoren: Sarah Nemitz (Platz 5), die Ko-Autorin von Lutz Hübner, sowie Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek (Platz 10). Marc Grandmontagne, Geschäftsführender Direktor des Deutschen Bühnenvereins, stellt fest: „Diese Zahlen zeigen, dass es noch ein weiter Weg ist, bis gesellschaftliche Veränderungen in den Spielplänen der Theater auftauchen.“ Er meint besonders die Geschlechtergerechtigkeit.

In der Oper ist das besonders krass: 298 Komponisten vermerkt die Werkstatistik, aber nur 18 Komponistinnen (und noch 5 Kollektive). Die Opern Giuseppe Verdis verbuchten die meisten Zuschauer: 583 717, dann folgen Mozart, Wagner, Puccini, Rossini, Humperdinck, Donizetti, Bizet . . . Alles Männer der Geschichte, die Frauen können erst aufholen, wenn das Publikum mal was Neues wagt. Der Anteil der zeitgenössischen Oper an den Inszenierungen beträgt gerade mal 16 Prozent. Hoffnungsvoll für heranwachsende Komponistinnen stimmt auch nicht, dass der Anteil der Uraufführungen an den Opern-Inszenierungen nur 4 Prozent beträgt. Die meistinszenierte Oper, „Hänsel und Gretel“ (1893 uraufgeführt), stammt auch von einem Komponisten: Engelbert Humperdinck.

Aber gegen ein Musical haben all diese Opern und auch Winnetou keine Chance: Andrew Lloyd Webbers „Starlight Express“ rollt und rollt: 406 493 Zuschauer waren es in der Saison 2017/2018.

Die deutsche Bühnenlandschaft

Das Bild der Theater- und Orchesterlandschaft in Deutschland wird wesentlich durch die rund 140 öffentlich getragenen Theater bestimmt, also durch Stadttheater, Staatstheater und Landesbühnen. Hinzu kommen rund 220 Privattheater, etwa 130 Opern-, Sinfonie- und Kammerorchester und circa 70 Festspiele, rund 150 Theater- und Spielstätten ohne festes Ensemble und um die 100 Tournee- und Gastspielbühnen.