Bonn / kna „Der Vorleser“ machte Bernhard Schlink vor 25 Jahren zum Star. Jetzt legt er Erzählungen vor: „Abschiedsfarben“.

„Sie sind tot - die Frauen, die ich geliebt habe, die Freunde, der Bruder und die Schwester und ohnehin die Eltern, Tanten und Onkel.“ So beginnt Bernhard Schlinks neuer Erzählband „Abschiedsfarben“. In den neun Geschichten geht es um das Gelingen und Scheitern der Liebe, um Vertrauen und Verrat, um bedrohliche und bewältigte Erinnerungen – klassische Schlink-Themen, mit denen er spätestens seit seinem Bestseller „Der Vorleser“  das Publikum begeistert.

In der ersten Geschichte „Künstliche Intelligenz“ nimmt der Ich-Erzähler Abschied von seinem verstorbenen Kollegen Andreas. Zu DDR-Zeiten waren sie ein erfolgreiches Wissenschaftler-Team: „Er war ein genialer Mathematiker, man konnte auf ihn nicht verzichten“. Also verrät der Erzähler die Fluchtpläne des Freundes. Jahre später fürchtet er, durch Andreas‘ Stasi-Akte aufzufliegen. Der Leser folgt fassungslos dem Bewusstseinsstrom, in dem sich die Hauptfigur vor allem reinzuwaschen sucht: „Andreas wäre im Westen nicht glücklich geworden“; „Ich glaube, die führenden Positionen, die ihm versagt blieben, hätten ihm auch nicht gelegen“. Das verpasste klärende Gespräch mit Andreas muss der Erzähler fantasieren.

Auch in „Picknick mit Anna“ geht es um das Versagen eines Mannes: Diesmal eines Erwachsenen, der sich um eine junge Frau kümmert und ihren Tod nicht verhindert – absichtlich?

Wie eine griechische Tragödie

Die umfangreichste Geschichte „Geschwistermusik“ hat Anklänge an die Unausweichlichkeit griechischer Tragödien. Der junge Philip verliebt sich in die Mitschülerin Susanne. Ihr Interesse scheint ihm nur garantiert über die Freundschaft mit ihrem querschnittgelähmten Bruder Eduard. Dessen Umklammerung entzieht er sich durch wortlose Flucht. Jahre später trifft er Susanne wieder. Doch dunkle Verstrickungen stellen die nun endlich erhoffte Erfüllung ihrer Liebe in Frage.

Auch in seinem neuen Buch überzeugt der inzwischen 76-jährige Schlink durch seinen präzisen Stil, der mit wenigen Worten Stimmungen und Schauplätze plastisch werden lässt. Dabei arbeitet der emeritierte Juraprofessor und angesehene Staatsrechtler gerne mit Wiederholungen und Gegensätzen.  So entstehen melodische Satzgefüge von erstaunlicher Leichtigkeit, trotz teils schwerer Themen. kna