Voilà, das Entrecôte. Der Kellner serviert ein gewaltiges, tellerbreites Rindersteak, scharf gegrillt. „Nichts auf der Welt tat am Ende eines aufreibenden Ermittlungstages so gut“, schöpft Kommissar Dupin in dem Roman „Bretonischer Stolz“ neue Kraft. Oh, das ist nicht übertrieben – besser gesagt: Jean-Luc Bannalec weiß in seinen Krimis, wovon er schreibt. Der Bestsellerautor liebt Rituale, und eines davon ist, dass sich der rastlose, unentwegt Kaffee trinkende Kommissar auch mal stärken muss, und zwar in seinem Lieblingsrestaurant, seinem zweiten Zuhause, dem „Amiral“ in Concarneau.

4,2 Millionen Bücher hat Bannalec bislang verkauft, und zu seinen Erfolgsrezepten gehört, dass sein aus Paris strafversetzter Held schwärmerisch die Bretagne entdeckt – gewissermaßen für die Leser: das Land, die Geschichte, die Menschen. Dupins Lieblingsorte – es gibt sie wirklich. Die Krimis sind ebenso Reiseführer wie eine kleine Enzyklopädie dieser uralten Region im Nordwesten Frankreichs. Oder wie Bannalec sagt: „Ich möchte, dass die Bre­tagne die Hauptrolle spielt, dass sie die Romane schreibt, ich möchte mich herausnehmen, das Medium sein.“ Das ging so weit, dass der Autor ein Pseudonym wählte, als er 2012 seinen ersten Roman, „Bretonische Verhältnisse“, veröffentlichte. Denn er heißt eigentlich Jörg Bong. Und er kommt an einem Augustabend ins Restaurant des „Amiral“, um den Reporter aus Deutschland zum Essen zu treffen – und, ja, der bestellt sich natürlich, wie der Autor, ein Entrecôte.

Der Künstlername ist schon lange gelüftet, aber seit Bong im vergangenen Jahr als geschäftsführender Verleger bei S. Fischer ausgestiegen ist, sich eine Auszeit genommen hat, um ein altes Buchprojekt zu realisieren (kein Krimi), geht er an die Öffentlichkeit, gibt erste Interviews. „Ich wollte keine Existenz als Autor. Mein Leben als Lektor und Verleger war es, für die Autoren zu kämpfen.“

Bong wurde in Bad Godesberg geboren, seit 1997 arbeitete der promovierte Germanist für S. Fischer, zunächst als Assistent der Eigentümerin Monika Schoeller; er wohnt in Frankfurt am Main und im südlichen Finistère, wo er seit zwölf Jahren ein Haus hat, und bezeichnet sich als einen „sehr nervösen Menschen, als schlechten Schläfer“. Was man da macht, nachts? Lesen, und zwar klassische Kriminalromane. „Das entspannt mich total“, sagt der 54-Jährige, der an der rechten Hand eine Manschette trägt, weil er beim täglichen Schwimmen, auch so ein Ritual, von einem Felsen gerutscht ist.

Sich hineindenken in die Konstruktionen der Krimis, die Handlungsfäden weiterspinnen: So fing das dann mit dem Schreiben an. „Das ist eine Art Kontemplation, ich werde strukturiert, das hat fast eine therapeutische Wirkung auf mich.“ Seine Krimis sind zudem ein Spiel mit der literarischen Tradition. Wie in Dupins achtem Fall, „Bretonisches Vermächtnis“, der eine Hommage ist an Georges Simenon. Auch Kommissar Maigret ermittelte in Concarneau, auch „Der gelbe Hund“ spielt im „Amiral“. Auf der Simenon-Spur hat Bong, der frankophile Rheinländer, die Hafenstadt gefunden – und mit Arnaud Lebossé, dem Wirt des „Amiral“, Freundschaft geschlossen, mit ihm und seiner Frau Catharine ein „Bretonisches Kochbuch“ herausgegeben.

Bannalecs Romane sind auch kulinarische Ermittlungen. Kommissar Dupins jüngster, neunter Fall, „Bretonische Spezialitäten“, spielt in St. Malo an der Smaragdküste und beginnt in der Markthalle. Der nächste Krimi, an dem er jetzt schreibe, verrät Bong, führe auf die Belle-Île, die größte der bretonischen Inseln. Für zwölf Romane habe er ein Konzept und Ideen, in seinem Arbeitszimmer hänge eine große Karte mit den Orten. Sein Rhythmus, Jahr für Jahr, Krimi für Krimi: an Ostern recherchieren, im Sommerurlaub und im Herbst schreiben. „Das geht nur hier, in der Bretagne, ich muss das Licht, die Farben spüren.“ Zwischen Weihnachten und Neujahr fährt er noch einmal zum Haus, um das Manuskript zu überarbeiten.

Tipps für Touristen

Der kauzige, kantige Dupin, dieser begeisterte Wahl-Bretone – da steckt viel Bong in der Figur. „Ich glaube sehr an den Enthusiasmus“, sagt der Autor, der vor drei Jahrzehnten das erste Mal in der Bretage war und sofort entflammte. Natürlich gebe es hier auch nicht so schöne Orte, aber die spielten in seinen Romanen keine Rolle. Apropos: „Mögen Sie Meeresfrüchte?“, fragt der lebensfröhliche Bong und organisiert dem Gast gleich einen Tisch im Muschel- und Austernzuchtbetrieb „Aux Viviers de Penfoulic“ in der Nähe von Fouesnant. Die herzliche Beátrice La Meurt lädt zur Verkostung direkt am Ufer . . . Grandios. Auch Kommissar Dupin hat sich dort in „Bretonischer Stolz“ von Béa (der Name also ist nicht erfunden) alles Wissenswerte über Austern erklären lassen.

Den Tourismus hat Bong mit seinen Romanen enorm forciert, einen Bildband mit Dupins Landschaften – „Magische Bretagne“ – fotografierte er selbst. Kein Wunder, dass er als „Mécène de Bretagne“ ausgezeichnet wurde; seit 2018 ist er auch Ehrenmitglied der Académie littéraire de Bretagne. In 15 Sprachen werden die Dupin-Krimis übersetzt. Sehr populär, auch in Frankreich oder in Italien, sind die TV-Verfilmungen, die freilich eher frei nach Bannalec gehalten sind. Was Bong gelassen nimmt: „Das ist eine Lehre aus der Verlegerzeit. Es ist nie gutgegangen, wenn Autoren sich in die Verfilmung ihrer Romane eingemischt haben.“

Die Entrecôtes sind bewältigt, die Rotwein-Gläser geleert. Da­rauf haben im „Amiral“ schwäbische Bannalec-Fans aus Stuttgart und Heilbronn nur gewartet. Sie haben an Nebentischen offenbar das Gespräch belauscht und bitten jetzt um Autogramme. Jörg Bong geht sympathisch auf die Wünsche ein und unterschreibt mit „Ihr Jean-Luc“.

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Bretagne-Romane mit Kommissar Dupin möchte Jean-Luc Bannalec schreiben. Das jedenfalls ist sein Plan. Der aktuelle, neunte Fall heißt „Bretonische Spezialitäten“.