Marbach / Bettina Wieselmann Mitarbeiter beklagen „desolate Lage“ und fordern Eingreifen gegen Direktorin Sandra Richter.

In der Belegschaft des Deutschen Literaturarchivs (DLA) rumort es immer stärker. In einem Brandbrief, der der Südwest Presse vorliegt, wurde jetzt das aufsichtsführende 20-köpfige Kuratorium aufgefordert, sich mit der „desolaten Lage“ zu befassen. Marbach mit seinen rund 260 Mitarbeitern müsse wieder zu einem Ort werden, „mit dem man sich identifizieren kann, an dem man wohlwollend miteinander umgeht und gerne arbeitet“, schreibt die Betriebsratsvorsitzende Ulrike Weiß. Das Unverständnis über die Amtsführung von Direktorin Sandra Richter, die seit 2019 an der Spitze der national und international hoch angesehenen Institution steht, macht sich vor allem fest an dem Ende April erfolgten Rausschmiss der weithin geschätzten Verwaltungsleiterin Dagmar Janson – wir berichteten.

Das geht auch aus dem zehnseitigen Anhang an den Brandbrief hervor, der eine Fülle anonymisierter E-Mails aus der Belegschaft auflistet. Er wurde, wie Weiß schreibt, auf deren Wunsch bereits der Geschäftsleitung zugeleitet. „Fassungslos“ und „geschockt“ wird beklagt, dass sich Richter in „einer ihrer ersten Amtshandlungen“ von einer „kompetenten, hilfsbereiten, für Kritik stets offenen Vorgesetzten“ getrennt habe. Der Eindruck, der sich seit Beginn 2019 verfestige, finde mit der Freistellung von Janson seinen Höhepunkt: „Weiß die Direktion, was sie tut?“ Die „Demontierung“ der Führungskraft lasse auf eine „gezielte Racheaktion, auf Willkür und Duodezverhalten schließen, das einem Deutschen Literaturarchiv wahrlich nicht würdig ist“.

„Ein enormes Risiko“

Auch Weiß schreibt an die Kuratoriumsmitglieder von einer „drastischen Maßnahme, die dem Haus nicht nutzt, sondern schadet“. Schon jetzt sehe man den täglichen Klärungsbedarf nicht abgedeckt, was ein „enormes Risiko“ berge. Weiß hält Richter vor, sich auf die Außendarstellung des DLA zu konzentrieren: „Interne Abläufe werden dadurch teils immer noch nicht gekannt.“ Das führe „zu großer Verunsicherung und negativer Grundstimmung im Haus“. Die Folge: eine „ungewöhnlich hohe personelle Fluktuation“. „Wir wenden uns an das Kuratorium als mögliches Korrektiv und bitten Sie, sich mit der Geschäftsleitung in Verbindung zu setzen“, appelliert Weiß. Könnte sein, dass der Hilferuf erhört wird: „In Marbach läuft wirklich gar nichts mehr so, wie es laufen sollte“, seufzt ein Kuratoriumsmitglied. Zu allem Überfluss leistet sich das DLA auch noch einen Arbeitsgerichtsprozess mit dem Ex-Direktor Ulrich Raulff um seine Versorgungsansprüche. Bettina Wieselmann