Neu-Ulm / Helmut Pusch Die Stars der Szene treffen sich auf einem Kongress in Neu-Ulm und geben, wie Gilbert Tinner, in Workshops ihr musikalisches Wissen weiter. Von Helmut Pusch 

Es geht um den Austausch. Ich will die Leute treffen, die meine Musik spielen“, sagt Jacob de Haan. Und es gibt eine Menge Leute, die das tun. Der 60-jährige Niederländer, der einst Trompeter in einer Funk-Band war, gehört weltweit zu den bekanntesten Komponisten sinfonischer Blasmusik und hat gerade einen Workshop gehalten: über seine populärsten Stücke, „Oregon“ und „Concerto d’Amore“.

Warum schreibt er für Blasorchester? „Ich hatte keine Wahl“, sagt de Haan schmunzelnd. „Meine ganze Familie ist Blasmusik. Mein Papa arbeitete für den Perkussion-Hersteller Majestic. Ich bin da einfach reingewachsen.“ Apropos Majestic: Das ist eine von 36 Firmen, die jetzt beim internationalen Blasmusik-Kongress in Neu-Ulm vier Tage lang ihre Instrumenten ausstellten.

Neu-Ulm? Das Edwin-Scharff-Haus an der Donau war bereits zum zweiten Mal der Nabel der europäischen Blasmusik. Vor zwei Jahren hatten die Initiatorinnen Alexandra Link und Miriam Tressel diese Großunternehmung gestartet: Würde ein Blasmusik-Kongress in Europa ähnlich gut angenommen wie etwa die Midwest Band Clinic in Chicago? Zu diesem weltweit größten Treffen von Blasmusikern reisen jeden Dezember rund 17 000 Musiker, Dirigenten und Komponisten an. Zu Workshops, zur Weiterbildung, aber auch zu so genannten Reading Sessions: Konzerten, in denen Orchester die neuen Werke der Komponisten vorstellen. Es funktioniert offenbar auch in Neu-Ulm: Die Erstauflage 2018 war mit mehr als 1600 Besuchern bereits auf breite Resonanz gestoßen. Heuer waren es noch einmal 20 Prozent mehr.

Und die Zahl der Dozenten stieg von 70 auf mehr als 90 – aus elf Ländern. Die Themen der Workshops waren breit gefächert. Der Schweizer Gilbert Tinner, der jahrzehntelang in der Band von Udo Jürgens spielte und die Live Band der Schweizer Staatsbahnen leitet, beantwortete etwa die Frage: Wie spielt man mit einem sinfonischen Blasorchester adäquat Rock und Pop?  Tinners Rat: „Beim Pop gibt es im Orchester zwei Dirigenten: den Schlagzeuger und den Mann, der vor dem Orchester steht.“ Und: „Der Drummer ist wichtig. Er muss absolut sattelfest sein und darf ruhig etwas lauter spielen. Bass Drum und Snare sind das klangliche Zentrum. Und dann kommt der Bass.“

Wenn es schon um Pop geht, sei jedes Orchester gut beraten, sich einen Gitarristen zu suchen. Zum einen wegen der Rhythmik, die eine Gitarre einbringt, zum anderen aber auch wegen der Klangeffekte, die jeder Pop-Gitarrist mitbringt. „Das ist wichtig. So fühlen sich die anderen Musiker schneller heimisch.“ Noch ein Tipp für Dirigenten. „Lasst Eure Musiker ihre Stimmen zuerst einmal singen, damit sie ein Gefühl dafür bekommen, wie es klingen soll.“ Spricht’s und singt den Workshop-Teilnehmern eine Bläserphrase aus Stevie Wonders Funk-Klassiker „Superstition“ vor: „dip-dip-diddel-de-dip-bedibel-dip-dip-bedibelram bambam“. Die Musiker singen sie nach. Danach klingt die Phrasierung der Instrumente anders: besser.

Und noch ein weiterer Star der sinfonischen Blasmusik war in Neu-Ulm dabei: Jan van der Roost. Er hat sich nur zur Hälfte der Blasmusik verschrieben. „Ich schreibe auch für Chöre oder Kammerensembles“, sagt er. Neue Kompositionsaufträge erwartet van der Roost nicht. „Ich bin ohnehin auf zwei drei Jahre im Voraus ausgebucht“, sagt der 54-Jährige. „Mir geht es hier um die Musik und um die Menschen, die sie spielen.“ Wie etwa die Fagottistin Paula Hehnen, die an der Musikschule Dormagen unterrichtet und den Nachtzug aus Köln genommen hatte, um rechtzeitig für ihre Kurse da zu sein.

Die weiteste Anreise hatte sicherlich der japanische Komponist und Dirigent Satoshi Yagisawa, der erklärte, wie Blasmusik in Japan funktioniert. „Es gibt 12 000 Blasorchester in Japan und fast alle gehören zu Schulen“, berichtet er. Nach Deutschland ist er gekommen, weil seine Werke zwar in Asien und den USA bekannt sind, nicht aber in Europa. „Da hat mein Verlag gesagt: Du musst nach Neu-Ulm. Das ist absolut wichtig.“

Heldentenor und Hornist

Klaus Florian Vogt gehört weltweit zu den herausragenden Wagner-Tenören, bei den Bayreuther Festspielen etwa singt der 49-Jährige im Sommer den Stolzing in den „Meistersingern“ und den Siegmund in der „Walküre“. Aber am Freitagabend war er als Solist in einem Konzert mit dem Stadtorchester Friedrichshafen unter Leitung von Pietro Sarno angekündigt. Neu-Ulmer Edwin-Scharff-Haus statt New Yorker Met? Aber dann kam Vogt beim Blasmusik-Kongress auf die Bühne und sang mit seiner so jungenhaft-engelsschönen wie kraftvoll lyrischen Stimme bravourös einen Liederzyklus von Gustav Mahler, den Yasuhide Ito für Tenor und sinfonisches Blasorchester arrangiert hatte. Des Rätsels Lösung: Vogt war vor seiner Sängerkarriere Hornist, spielte als Profi im Philharmonischen Staatsorchester Hamburg – und er hat eine Blasorchester-Vergangenheit und gute Kontakte zum Bodensee. jük