Ulm / Jürgen Kanold Er war der Herrscher über ein Reich, in dem die Sonne nicht unterging, aber auch „der Kaiser, dem die Welt zerbrach“. Eine große Biografie über Karl V. Von Jürgen Kanold

Als Karl V. im Jahre 1547 in der Schlacht von Mühlberg an der Elbe den Schmalkaldischen Bund und damit die deutschen Protestanten und die aufständischen Fürsten vernichtend geschlagen hatte, stand der Kaiser auf dem Gipfelpunkt seiner Macht. Es war ein Reich, in dem die Sonne nicht unterging, denn auch das amerikanische „Goldkastilien“ gehörte dazu, die grausam eroberten und ausgebeuteten Gebiete der Azteken und Inkas.

Der Triumph sollte nun angemessen verewigt werden. Herrscher sind immer um die symbolische Repräsentation ihrer Größe, um die Meinungshoheit wie den Nachruhm bemüht – in einer Zeit vor den Massenmedien und dem Internet aber mit anderen Mitteln. So wurde der Venezianer Tiziano Vecellio, genannt Tizian, 1548 als kaiserlicher Hofmaler nach Augsburg gerufen, wo Karl V. einen Reichstag abhielt. Michelangelo wäre auch würdig für diese Aufgabe gewesen, aber dem hatte Papst Paul III. nicht frei gegeben, weil es ziemlich viel zu tun gab in der Sixtinischen Kapelle.

Tizian porträtierte den Kaiser mehrfach: Ein Gemälde zeigt ihn sitzend, mit majestätischem Blick, weise, melancholisch – noch keine 50, aber schon alt. Der Stock, der am Stuhl lehnt, deutet Karls körperliche Schwäche an, die Gicht. Auf einem Reiterbild wiederum ist der Kaiser mit heiliger Lanze als Glaubensritter zu sehen, im Kampf für die Einheit und Reinheit des Christentums, gegen die häretischen Lutheraner wie gegen die islamischen Türken. Realität und Propaganda.

Die Gemälde hängen heute in der Alten Pinakothek in München und im Prado in Madrid – bewundert von den Kunstinteressierten. Aber wie spannend ist es, die Geschichte dahinter zu erkunden, zu wissen, die historischen Zusammenhänge zu verstehen! Das ist der besondere Reiz der Lektüre von Biografien – wie jene über Karl V., die Heinz Schilling veröffentlicht hat.

Es ist eben kein gefühliger, schön erfundener historischer Roman, es geht um die Politik des 16. Jahrhunderts. Und wirklich viel Privates weiß man auch nicht über den im Jahre 1500 in Gent geborenen und 1558 im spanischen Hieronymitenkloster in Yuste gestorbenen Burgunderherzog, den diverse Todesfälle und Erbfolge-Schicksale zum Regenten des österreichischen Hauses Habsburg bestimmten und damit zum Herrscher über das Heilige Römische Reich Deutscher Nation sowie über Spanien inklusive der Königreiche Neapel, Sizilien, etc. Titel ohne Ende.

Wie fühlte, wie dachte Karl? Er war auf jeden Fall ein tief religiöser Mensch, auch musisch begabt, ein höchst pflichtbewusster Monarch, eher ein großer Schweiger. Er trank begierig eiskaltes Bier, liebte Wildbret, verschlang es aber schon früh zahnlos.

Schön war Karl nicht mit seinem vorgeschobenen Kinn, seinem Unterbiss. Auch nicht übermäßig feudal sexbesessen, er war glücklich verheiratet mit Isabella von Portugal, die er freilich kaum sah. Vier uneheliche Kinder sind aktenkundig, mit einer Regensburger Bürgertochter zeugte er Juan, den er als natürlichen Sohn anerkannte und der 1571 als Oberbefehlshaber der christlichen Flotte in der Seeschlacht von Lepanto den Sieg errang.

Der Laie kann leicht in einem solchen 450-Seiten-Geschichtsbuch in den Fakten ertrinken. Allein schon diese Verwandtschaftsverhältnisse: Das Volk spielte in der frühen Neuzeit kaum eine Rolle, Länder wurden in Schlachten mit Geld und Söldnern gewonnen, aber vor allem mit einer rigorosen Heiratspolitik. Von einem „Eheschachbrett“, auf dem Karl virtuos spielte, erzählt Biograf Schilling. Aber auch für Städtetouristen bietet sein Buch immenses Hintergrundwissen. Ob Gent, Mechelen oder Brüssel, Valladolid, Sevilla oder Granada, ob Frankfurt oder Augsburg, Innsbruck, Bologna oder Rom: Überall schrieb Karl V. Geschichte.

Und natürlich in Worms, auf dem Reichstag 1521, als der junge Karl, der sich als „Schützer des reinen Glaubens“ verstand, auf den Reformator Martin Luther traf – seinen politischen Gegenspieler. Im Herzen, so das Fazit Schillings, war Karl ein Friedenspolitiker, und doch kam er nie aus dem Militärlager heraus, weil er sich dynastischen und religiösen Zielen verpflichtet fühlte. Ein Riesenreich – aber er war dann doch ziemlich ohnmächtig, konnte die Kirchenspaltung nicht aufhalten, er scheiterte gedemütigt. Karl V. war „der Kaiser, dem die Welt zerbrach“. Aber nach ihm, unter seinem Sohn Philipp II., wurde sie nicht besser.

Spezialist für die Frühe Neuzeit

Der Historiker Heinz Schilling war Professor für Europäische Geschichte der freuen Neuzeit an der Humboldt-Universität in Berlin. Er schrieb auch die Biografie „Martin Luther. Rebell in einer Zeit des Umbruchs“ und den Bestseller „1517. Weltgeschichte eines Jahres“.