München / kna Wie sich die Haltung des Dramatikers und anderer Künstler zum Radio veränderte, zeigt das Lenbachhaus.

Umgeben von leeren Flaschen, Werkzeug und Pflanzen hat sich der Maler Wilhelm Heise (1892–1965) in einem bunten Selbstbildnis von 1926 festgehalten. Er sitzt an einem mit Kabeln und Steckern bedeckten Tisch. „Verblühender Frühling – Selbstbildnis als Radiobastler“ überschrieb der Künstler das Gemälde. Zu sehen ist es bis 23. August im Münchner Lenbachhaus in der Schau „Radio-Aktivität. Kollektive mit Sendungsbewusstsein“.

Nachdem aus dem Berliner Vox-Haus 1923 die erste staatlich verantwortete Rundfunksendung in Deutschland ausgestrahlt worden war, flogen dem Radio die Sympathien zu. Große Hoffnungen verbanden sich mit ihm. Doch bei dem Dramatiker Bert Brecht (1898–1956) war bald die Euphorie verflogen: „Es ist eine sehr schlechte Sache“, sagte er 1932 über das neue Medium. „Man hatte plötzlich die Möglichkeit, allen alles zu sagen, aber man hatte, wenn man es sich überlegte, nichts zu sagen.“

Walzer statt Aufklärung

Der Rundfunk war kein Ort einer neuen politischen Öffentlichkeit: Statt Aufklärung gab es Wiener Walzer und Kochrezepte, statt Debatten nette Geschichten. Brecht war desillusioniert und schlug vor, das Medium umzufunktionieren, von einem Distributions- in einen Kommunikationsapparat. Er wollte, dass das Radio dem sozialen und kommunikativen Weltverständnis dient, und dachte mit dieser These ein Stück weit die demokratische Moderne voraus.

Seine Überlegungen zu einem „Aufstand der Hörer“ formulierte Brecht zu einer Zeit, als das Radio in Deutschland zunehmend verstaatlicht und verstärkt zu NS-Propagandazwecken instrumentalisiert wurde. Seine Schrift über den „Rundfunk als Kommunikationsapparat“ gilt deshalb als erste Radiotheorie, die die Teilhabemöglichkeiten voraussah.

Die Ausstellung würdigt Brecht und die weltweit durch ihn angeregten Künstlergruppen mit Quellentexten, Gemälden, Fotografien, Zeichnungen. Zugleich lädt sie an Stationen zum Nachhören ein. Elisabeth Noske