Bayreuth / Jürgen Kanold Am Samstag hätte der Wagner-Sommer auf dem Grünen Hügel begonnen. Die Nachrichtenlage: Corona, Virtuelles, Führungskrise. Von Jürgen Kanold

Ein Sommer ohne Bayreuth? Auch für Stefan Vinke ist das offenbar unvorstellbar. Der Heldentenor, der für die Partie des Loge im „Rheingold“-Aufgebot stand, veranstaltet jetzt seine eigenen Richard-Wagner-Festspiele – nicht auf dem Grünen Hügel, sondern im Garten daheim in Bad Kreuznach. Am Samstag, wenn es auch in Bayreuth hätte losgehen sollen mit Kanzlerin Angela Merkel auf dem roten Teppich, findet bei ihm die erste Premiere statt: der 1. Akt „Walküre“, natürlich mit Vinke selbst als Siegmund. Er singt dann bis Mitte September auch Tannhäuser, Tristan, Lohengrin und Siegfried, und seine Gattin Sabine Vinke übernimmt praktischerweise die meisten weiblichen Hauptrollen.

Es gibt ganz unterschiedliche Exit-Strategien für Wagnerianer mit Entzugserscheinungen: auch einen „virtuellen Festspielsommer“. Die Deutsche Grammophon (DG Stage) zeigt Bayreuth-Inszenierungen online – am Tag ihrer ursprünglich geplanten Aufführung, beginnend am 25. Juli mit Barry Koskys großartig inszenierten „Meistersingern von Nürnberg“. Dazu als „Ersatz“ für die Neuproduktion des „Rings“ die Großtaten von Patrice Chéreau (1976) und Frank Castorf (2013). An diesen Meistern muss sich der junge, relativ unerfahrene Österreicher Valentin Schwarz messen lassen, den Festspielchefin Katharina Wagner im vergangenen Jahr als Regisseur des Vierteilers aus dem Ärmel gezaubert hatte.

Der „Ring“ erst 2022

Als die Festspiele im März wegen der Pandemie abgesagt wurden, waren Bühnenbild und Kostüme schon fertig, hätten die Proben beginnen können. Jetzt ist der „Ring des Nibelungen“ auf 2022 verschoben – und Schwarz, der plötzlich viel Zeit hatte, brachte für die Staatsoper Stuttgart ein Chor-Happening mit Wagnermusik heraus: „Demo(kratie)“.

Lange war spekuliert worden, ob die Festspiele wenigstens ein kleines Live-Programm zuwege bringen. Musikdirektor Christian Thielemann dirigiert nun am Samstag, zur klassischen Bayreuth-Zeit 16 Uhr, das Konzert „Wagner 2020“ mit Camilla Nylund, Klaus Florian Vogt und Mitgliedern des Festspielorchesters im Haus Wahnfried – 400 Zuhörer sind zugelassen, der Bayerische Rundfunk überträgt. Mehr war nicht zu erwarten. Denn, nicht zu vergessen: Die Festspiele leiden nicht nur unter Corona, sondern auch unter einer Führungskrise.

Katharina Wagner (42) ist „schwer erkrankt“ und fällt seit Mai aus – die Rückkehr der Chefin und Urenkelin des Komponisten sei nicht vor Herbst zu erwarten, heißt es. Unterdessen hat die Festspiel-GmbH den Vertrag des kaufmännischen Geschäftsführers Holger von Berg nicht verlängert. Dessen Vorgänger Heinz-Dieter Sense leitet nun kommissarisch die Festspiele, die nach dem Lockdown und allen Verschiebungen ziemlich viel zu tun haben, die nächsten Sommer zu organisieren.

Die Bayreuther Festspiele, 1876 mit dem „Ring des Nibelungen“ eröffnet und schon damals auch mit Staatsgeld (aus der Schatulle des Bayernkönigs Ludwig II.) finanziert, haben schon manche Katastrophe überlebt. Und bis heute werden sie, auch einmalig, von einem Mitglied der Gründerfamilie geführt. Nach den ersten Festspielen etwa war Richard Wagner derart pleite, dass er das Festspielhaus erst 1882 wieder öffnete, für den „Parsifal“.

Die Wagners mussten immer wieder Geld zusammenkratzen, spielten nicht jedes Jahr – von Absagen in Kriegs- und Nachkriegszeiten nicht zu reden. So ist das Publikum froh, dass die Bayreuther Festspiele, das weltbekannteste deutsche Kulturfestival, schon lange kein Privatbesitz mehr sind und dass deren Budget von rund 27 Millionen Euro zu fast 30 Prozent von der öffentlichen Hand getragen wird.

2021 kann es deshalb weitergehen. Einstweilen trösten sich die Wagnerianer in Vinkes Garten, am Radio, vor den TV-Geräten oder pilgern trotzdem nach Bayreuth, an ihren Sehnsuchtsort.

„Summertime“-Programm mit Wagner-Stars

Die Absage der Festspiele trifft vor allem auch die freischaffenden Künstler und das Tourismusgewerbe in Bayreuth hart. So hat die Stadt ein „Summertime“-Programm aufgelegt. Klaus Florian Vogt etwa, einer der herausragenden Wagner-Tenöre, singt zusammen mit Camilla Nylund am 1. und 2. August auf der Seebühne in der  Wilhelminenaue Auszüge aus dem „Lohengrin“. Tags davor signiert er in der Stadtbibliothek. Auch andere Akteure haben in diesem etwas anderen Kultursommer Auftritte in der Stadt, darunter Annette Dasch, Michael Volle, Günther Groissböck, Petra Maria-Schnitzer und Andreas Schager. Weitere Infos: www.summertime.bayreuth.de