Heilbronn / Burkhard Meier-Grolman Ausstellung Die Kunsthalle Vogelmann in Heilbronn ehrt die umtriebige türkische Konzeptkünstlerin Ayse Erkmen, die vor allem mit spektakulären Außenaktionen Furore macht. Von Burkhard Meier-Grolman

Die Heilbronner Kulturfreaks freuen sich wie Bolle, denn mit der türkischen Konzeptkünstlerin Ayse Erkmen (71) haben sie jetzt endlich mal eine Frau auf der mit Bildhauer-Prominenz wie Franz Erhard Walther oder Thomas Schütte doch gut gespickten Herrenliste ihrer Ernst Franz Vogelmann-Preisträger. Die Entscheidung  für Ayse Erkmen ist den Juroren sicherlich nicht sehr schwer gefallen, denn schließlich beackert sie seit über 50 Jahren – und meist zwischen den Metropolen Istanbul und Berlin pendelnd – so ziemlich alle Felder, auf denen sich die zeitgenössische Kunst tummelt, sodass sie sich guten Gewissens auch mit dem durchaus anspruchsvollen Titel Konzeptkünstlerin schmücken darf.

Denn wer sich in diesem Gewerbe speziell mit dem Konzeptuellen zu beschäftigen gedenkt,  der oder die muss sich schon auf einem hoch angesiedelten Entwurfsniveau bewegen und sollte, wenn möglich, auch den Intellekt ansprechende auffällige, um nicht zu sagen spektakuläre Kunstaktionen tätigen, mit denen er oder sie nicht nur im nationalen, sondern auch gleich im globalen Art-Ranking schön punkten kann.

Ayse Erkmen erfüllt in dieser Hinsicht alle Bedingungen, denn sie liefert ja keine bestens handelbare Kunstware für Galerieräume, Vorstandsetagen oder Wohnzimmer ab, nein, sie will wie einst der große Kollege Christo draußen vor den Türen im öffentlichen Raum wirken, sie will unsere Wahrnehmung für bestimmte Örtlichkeiten  schärfen, indem sie vorgegebene Situationen durch eigene kleinere oder größere Eingriffe verändert.

Und da hatte Ayse Erkmen bemerkenswerte Einfälle: So hat sie etwa bei den Skulptur-Projekten in Münster 1997 nicht gerade zur Freude der Bistums-Oberen einen Hubschrauber mit angegurteten kriegsbeschädigten Skulpturen über dem dortigen Dom schweben lassen, um den despektierlichen Umgang mit unseren Kulturgütern aufzuzeigen. Ganze Fährschiffe expedierte sie samt Mannschaften aus der Türkei, aus Japan und aus Italien nach Frankfurt, um zu beweisen, dass auch auf dem Main Taxidienste wie in der Lagunenstadt Venedig möglich wären.

Immer wieder mal auf Christos Spuren, versah Erkmen 2016 beispielsweise in der türkischen Touristenhochburg Kappadokien eine mächtige Felsnase mit einem riesigen bunten Ring oder sie verlegte 2017 mit einer Verbeugung vor Christos unglaublichem Iseosee-Projekt von 2016 im Hafengelände von Münster einen Unterwasser-Laufsteg und animierte die Besucher so zum gesunden Wassertreten. Ihre Affinität zur heimischen wie auch zur exotischen Tierwelt will Ayse Erkmen auf keinen Fall verleugnen. So ließ sie 2002 zwei ausgewachsene Tiger in einer aufgelassenen Essener Kokerei herumspazieren, und jetzt bei ihrer Ausstellung in der Vogelmann-Kunsthalle in Heilbronn muss es bei einem ausgestopften Fuchs bleiben, denn man stelle sich die Probleme des Aufsichtspersonals vor, mit den Untugenden eines leibhaftigen Reineke fertig zu werden.

Wie überhaupt  Erkmens Heilbronner Exponate nur stellvertretend für ihre temporären Außenaktionen stehen können. Aber im nächsten Jahr will die Vogelmann-Preisträgerin Ayse Erkmen (der Vogelmann-Preis ist mit 30 000 Euro dotiert) – wenn in Sachen Corona nichts dazwischen kommt – vor Ort in Heilbronn mit einer dauerhaften Außenskulptur zu Potte kommen: An der Adolf-Cluss-Brücke sollen vier knallrote mächtige Bojen fest vertäut werden, zwei liegen auf Land, zwei schwimmen im Neckarwasser. Was mit Ayse Erkmens Kunstkonzept-Worten vermutlich heißen soll, dass diese beiden Elemente seit Menschengedenken eng miteinander verbunden sind und dass wir diese naturgewollten Verbindungen nicht immer wieder bewusst oder fahrlässig aus dem Gleichgewicht bringen und beschädigen sollten.

Zur Person

Ayse Erkmen kam 1993 auf Einladung des DAAD-Künstlerprogramms nach Berlin. Nach Gastdozenturen in Kassel und Frankfurt lehrte sie als Professorin für Bildhauerei an der Städelschule Frankfurt und der Kunstakademie Münster. Sie lebt und arbeitet in Berlin und Istanbul.
Die Heilbronner Ausstellung „Ayse Erkmen – Eins, Zwei, Drei“ läuft bis 1. November, Di-So 11-17 Uhr, Do 11-19 Uhr.