Bonn / Ulrich Traub Als Martin Kippenberger ans Mikro trat : „Doppelleben“ in der Bonner Bundeskunsthalle zeigt Künstler als Musiker. Von Ulrich Traub

Wir wollten eine Ausstellung machen, die rockt“, erklärt Kurator Edek Bartz. Rock im Museum? Und das in Zeiten von Corona? Das verblüfft. Tatsächlich rockt in dieser Präsentation im klassischen Sinne nur wenig. Was aber stimmt: Es gibt jede Menge zu hören. Musik wird hier sozusagen ausgestellt.

In der Schau „Doppelleben“ steht weniger das Seh- als das Hör­erlebnis im Mittelpunkt. Das von Bartz gemeinsam mit Eva Badura-Triska konzipierte Projekt in der Bonner Bundeskunsthalle hat sich einem Randthema der Kunstgeschichte verschrieben: Künstlern und Künstlerinnen, die Musik gemacht haben.

Und davon gab und gibt es mehr, als man annimmt. 50 auf große Screens projizierte Videos knüpfen einen losen Faden vom frühen 20. Jahrhundert bis in unsere Tage. Der Ton wird über Kopfhörer, die man im Entrée der Schau ausleiht (und die nach jeder Benutzung geschwind desinfiziert werden), bereitgestellt.

Das Genre Künstlermusik gebe es aber nicht, stellt Bartz klar. „Künstler machen einfach Musik“, soll heißen: Das Spektrum ist weit gesteckt und das Verbindende allenfalls in der Suche nach neuen Ausdrucksformen und der Bereitschaft zum Experiment zu finden. Verwunderlich ist diese musikalische Zweit-Existenz eigentlich nicht, denn „das Auflösen der Gattungsgrenzen ist ein Charakteristikum der Kunst des 20. Jahrhunderts“, führen die Kuratoren aus, die die Ausstellung vor zwei Jahren für das Wiener Mumok realisiert hatten.

Mit einem kurzen Exkurs wird die Vorreiterrolle von Marcel Duchamp und den Futuristen herausgestellt. Der eine ließ den Zufall komponieren, die anderen entdeckten die Musikalität des Lärms. Letzterem sollten sich die Künstler-Musiker auch später immer wieder verschreiben. Hörtipp: A.R. Pencks Band, die „Archaic-Fri-Jazz“ performt. Einer Schrei-Darbietung von Yoko Ono in Single-Länge steht Yves Kleins Sinfonie gegenüber, die einem über 20 Minuten fixierten Klangfeld eine ebenso lange Stille folgen lässt. Eine Vorspulfunktion kennt das Audioangebot leider nicht.

Mit Garagenrock sind der Künstler Don Van Vliet alias Captain Beefheart und Destroy All Monsters mit Mike Kelley am Start, die einen Trash-Comic musikalisch unterlegten, während der Captain mit seiner Band am Strand von Cannes auftrat. Alan Vega, der mit Martin Rev als Suicide in den späten 70ern mit Electro-Punk Musikgeschichte geschrieben hat, ist als Künstler dagegen immer noch ein Geheimtipp.

„Punk war für viele Künstler ein Initialerlebnis“, sagt Edek Bartz. Machen war wichtiger als Können. Man lausche nur The Alma Band, angeführt von dem wie aufgezogen performenden Sänger Martin Kippenberger. Oder den Pop Rivets, bei denen der Teenager Billy Childish ins Mikrophon krakeelt. Später sollte er auch als Maler und Schriftsteller sein Glück versuchen. Und einstige Neue-Wilde-Maler wie Albert und Markus Oehlen machten solo oder in Bands wilde Musik – nicht ohne Spaßfaktor.

Die Münchner Band F.S.K. mit Michaela Melián trat 1982 in Wehrmachtshemden auf und sang im Stile der Neuen Deutschen Welle: „Du bist kein Held auf dieser Welt.“ Auch die erfolgreiche, aus Bildenden Künstlern bestehende Band Laibach verfuhr in dieser Weise: Kritik durch Überaffirmation. Ihr martialischer Industrial ist deutlich unterhaltsamer als der von Rammstein. Überraschende Entdeckungen bieten die Videos, die man nicht selten aus den hintersten Winkeln der Galerien zutage gefördert habe, wie Eva Badura-Triska betont, zuhauf: der an Sonic Youth erinnernde Noise-Rock von Beautiful Balance (mit Anne Imhof) oder die post-rockigen The Wired Salutation mit der Künstlerin Angela Bulloch, die auch die Bühnenshows kreierte, am Bass und David Grubbs an der Gitarre, der mindestens in der Hälfte aller wichtigen Alternative-Bands der 80er- und 90er-Jahre gespielt hat. Christian Ludwig Attersee schmachtet zur Klavierbegleitung eine Kunstlied-Melange. Wolfgang Tillmans tritt als Agitprop-Sänger auf die Bühne und Katharina Grosse in einen Synthesizer-Dialog mit dem früheren Kreidler-Musiker Stefan Schneider.

Den Schlussakkord setzt der isländische Künstler Ragnar Kjartansson mit der Band Trabant und einer gekonnt schrillen Disco-­Rock-Persiflage. Nein, zu weltweiten Chartserfolgen haben sie es dann doch nicht gebracht. Dieses Kunststück gelang nur Laurie Anderson 1982 mit ihrem Song „Oh Superman“.

Den Katalog gibt’s nur online

Die Schau „Doppelleben – Bildende Künstler*innen machen Musik“ wird bis 18. Oktober in der Bonner Bundeskunsthalle (Helmut-Kohl-Allee 4) gezeigt: Dienstag und Mittwoch 10-21 Uhr, Donnerstag bis Sonntag und an Feiertagen 10-19 Uhr.  www.bundeskunsthalle.de; Katalog nur online: www.doppelleben-katalog.de