Stuttgart / Jana Zahner Die Stuttgarterin Anna Katharina Hahn präsentiert per Livestream ihren neuen Roman „Aus und davon“.

Als Autorin darf man sich derzeit bei Buchpremieren mit Recht einsam fühlen: „Es ist etwas komisch ohne Publikum“, sagt die Stuttgarterin Anna Katharina Hahn bei der Lesung ihres neuen Romans „Aus und davon“. Die Veranstaltung wurde am Dienstag in einer Kooperation des Literaturhauses Stuttgart mit dem Südwestrundfunk live im Netz übertragen. Hahn und die Literaturredakteurin Katharina Borchardt diskutierten durch eine Plexiglasscheibe getrennt über die Entstehung des Werks.

Die 49-Jährige erzählt im Roman erneut eine Stuttgarter Familiengeschichte: Im Zentrum stehen Rentnerin Elisabeth, ihre Tochter Cornelia und die Enkelkinder Bruno und Stella. Cornelia ist frisch getrennt und nimmt sich eine Auszeit in den USA. Elisabeth kümmert sich derweil in der Wohnung an der Ostendstraße alleine um die Kinder; eine Aufgabe, die sie überfordert. Als Bruno plötzlich verschwindet, entgleitet ihr alles.

Die Autorin erkundet in der Erzählung neben Beziehungsgeflechten und emotionalen Abhängigkeiten auch das pietistische Erbe der Region. Romanfigur Elisabeth versucht ihrer strengen religiösen Erziehung zu entkommen, die jeden Genuss verbietet. Ist ihre Prägung durch zwei Fellbacher Diakonissinen dafür verantwortlich, dass Ehemann Hinz, ein hedonistischer Mainzer, im Alter mit einer anderen durchbrennt? Die Autorin selbst ist Namensvetterin von Michael Hahn, einer der zentralen Figuren der schwäbischen Glaubensbewegung. Frömmigkeit und Fleiß hängen heute noch in der Luft der Schwabenmetropole, glaubt sie.

Präzise Milieustudie

Im Roman will die alleinerziehende Cornelia der Rolle als Mutter und Berufstätige in den Weiten der USA entfliehen. Ihre Großmutter Trudele reiste 1923 ebenfalls über den Atlantik – allerdings unfreiwillig, um Geld für die verarmte Familie zu verdienen. Ein Versatzstück aus Hahns eigener Familiengeschichte.

Als realistische „Milieustudie in HD“ bezeichnet Moderatorin Katharina Borchardt den Roman. Tatsächlich sieht sich Hahn mehr als Kind der Romantik: „Realismus ist gut, aber man muss ihn brechen.“ Das übernimmt im Roman eine geradezu lebendige Puppe mit Namen „Linsenmaier“. Nebst zahlreichen Textnachrichten ist das Familienerbstück oft das Einzige, das die entfremdeten Generationen verbindet. jaz