Genau sieben Exemplare hatten die deutschen Herrscher des 14. Jahrhunderts von einem der wichtigsten Gesetzestexte ihrer Zeit anfertigen lassen. Die „Goldene Bulle“ gilt als eine Art frühes Grundgesetz und sollte helfen, Konflikte zwischen den Fürsten beizulegen. Eine der Handschriften gehörte dem Mainzer Erzbischof und gelangte auf Umwegen in den Besitz des Österreichischen Staatsarchivs. Nun kehrte das Schriftstück erstmals seit über 200 Jahren wieder zurück an den Rhein, wenn auch nur leihweise. Die „Goldene Bulle“ ist nur eines von knapp 300 spektakulären Exponaten, die in der großen Sonderausstellung „Die Kaiser und die Säulen ihrer Macht. Von Karl dem Großen bis Friedrich Barbarossa“ im Landesmuseum Mainz zu sehen sind.

Die Schau widmet sich dem Zeitalter zwischen dem 9. und 14. Jahrhundert, als die Region am Rhein mit Städten wie Mainz, Worms und Speyer für mehrere Jahrhunderte zu einem politischen und kulturellen Zentrum Europas aufstieg. „Diese Landschaft wurde zum neuen Herzstück des Reichs“, sagt Bernd Schneidmüller, der wissenschaftliche Leiter der Landesausstellung. Der Heidelberger Historiker betont, bei der mehrjährigen Vorbereitung sei es nicht darum gegangen, einzelne Herrscher-Biografien darzustellen oder gar heldenhaft zu verklären. „Wir wollen zeigen, dass Herrschen nicht nur aus Befehl und Gehorsam bestand.“

Stattdessen sei es auch im Mittelalter ganz ähnlich wie heute darum gegangen, Netzwerke aufzubauen, politische Entscheidungen auszuhandeln und um Gefolgschaft und Akzeptanz zu werben. „Ein Kaiser musste Furcht verbreiten und Liebe auf sich ziehen“, sagt Schneidmüller. Daher gehe es in der Landesausstellung maßgeblich um diejenigen Gruppen, die damals an der Macht teilhatten, etwa um die Bischöfe, Ritter oder die zunehmend selbstbewussten Bürger der Städte. Davon, wie die damalige Gesellschaft funktionierte, zeugen viele einmalige Exponate aus dem In- und Ausland. Die Liste der Leihgeber reicht vom Louvre in Paris und der Aachener Domschatzkammer bis zum Museum für Antike Kunst in Mailand und zum Vatikan.Zu sehen sind prächtige, mit Elfenbein und Edelsteinen verzierte Reliquienbehälter, der geschmiedete Kaiserthron aus der Stiftskirche Goslar und einzigartige Dokumente wie der Lorscher Kodex. Viele rheinland-pfälzische Museen haben ihre größten Schätze ausgeliehen. So sind auch der vergoldete Einband des Ada-Evangeliars aus Trier und das fantastisch erhaltene, 1000 Jahre alte Seidengewand des Mainzer Erzbischofs Willigis aus dem Dommuseum zu bestaunen. Einige der Handschriften sind so empfindlich, dass sie trotz Verdunklung der Museumssäle nicht bis zum Ende der Ausstellung im April 2021 gezeigt werden können.

Mit der Kaiser-Ausstellung setzt das Land Rheinland-Pfalz eine Tradition fort, alle zwei Jahre mit einer aufwendig geplanten Ausstellung zu einem historischen Thema Besucher auch aus anderen Teilen der Bundesrepublik nach Rheinland-Pfalz zu locken. Zuletzt widmete sich eine große Landesschau in Trier 2018 dem 200. Geburtstag von Karl Marx. Karsten Packeiser

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Die Corona-Pandemie hatte kaum Auswirkungen auf den Umfang der Landesausstellung. „Zwei Handschriften aus Oxford und Cambridge haben wir wegen Corona leider nicht bekommen können“, berichtet Museums­direktorin Birgit Heide. Ganz normal wird ein Museumsbesuch in Mainz trotzdem nicht. Tickets müssen vorab für ein genaues Zeitfenster gebucht werden, im Landesmuseum gilt Mundschutzpflicht und in jeden Raum darf immer nur eine bestimmte Anzahl von Besuchern. Die Landesausstellung ist bis zum 18. April täglich außer montags geöffnet. Zur Ausstellung ist ein umfangreicher, 560 Seiten starker Katalog erschienen. www.kaiser2020.de