Hamburg / dpa Regisseur Falk Richter dramatisiert in Hamburg Michel Houellebecqs Roman „Serotonin“.

Die Kultur der westlichen Welt geht in den Augen von Michel Houellebecq den Bach hinunter. Für seine provokanten Niedergangs-Geschichten erntet der französische Autor viel Lob, aber auch harsche Kritik. Nun hat die Saison am Schauspielhaus Hamburg mit der Uraufführung von Houellebecqs neuestem Roman „Serotonin“ begonnen. Für die mit viel Applaus bedachte Version zeichnet Falk Richter verantwortlich, der eine plakative Show mit Rockmusik präsentiert. Die Themenpalette beginnt mit der Bindungsunfähigkeit des älteren, weißen, heterosexuellen Mannes und endet mit dem Aufstand der Milchbauern gegen die Landwirtschaftspolitik der EU.

Vier Schauspieler geben den Protagonisten Florent: Jan-Peter Kampwirth, Carlo Ljubek, Tilman Strauß und Samuel Weiss. Ein Agraringenieur, der voller Frust und Neurosen steckt. Die Einnahme eines Antidepressivums, das seinen Serotoninspiegel steigern soll, hat zur Störung seiner Libido und Potenz geführt.

„Ich war nie etwas anderes gewesen als ein substanzloses Weichei“, lautet einer seiner Kernsätze. Der Abend beginnt, nachdem Florent mit einem Flirtversuch gescheitert ist. Es folgen Erinnerungen an verpfuschte „Fick-Beziehungen“. Dabei gerät die Romandramatisierung eher narrativ – Richter steuert mit grotesken Mitteln gegen, wobei seine Akteure, zu denen Sandra Gerling und Josefine Israel gehören, permanent Rollen wechseln.

Da wird die Ex-Freundin und Jungschauspielerin Claire schon mal mit falschem Riesenhintern und Puppenkopf versehen. In anderen Momenten flimmern Amöben über Video-Leinwände. Geht es im ersten Teil um die verhunzte Natur moderner Menschen, so nimmt sich der zweite Teil die Massentierhaltung, den Landverkauf an ausländische Investoren und das Hofsterben vor. Aymeric, Florents Studienfreund und Großgrundbesitzer, begehrt dagegen auf und wird zum Märtyrer.

Und der Protagonist bekennt im Affenkostüm seine wohl größte Sünde in einer Gesellschaft, die von der Illusion von Freiheit angetrieben sei: „Ich hatte keine Gutherzigkeit entwickelt.“  dpa