Berlin / Dieter Oßwald Jan Bülow spielt die Hauptrolle in „Lindenberg – Mach dein Ding“. Er berichtet von den Szenen mit und ohne Unterhose sowie der Begegnung mit dem Original. Von Dieter Oßwald

Er ist 50 Jahre jünger als Udo Lindenberg: Jan Bülow spielt den jungen Panikrocker in „Lindenberg – Mach dein Ding“ von Hermine Huntgeburth, der am Donnerstag in den Kinos startet.

Waren Sie ein Fan von Lindenberg? Oder ist mit man 23 Jahren zu jung für die Legende?

Jan Bülow: Ich bin kein Fan von Lindenberg gewesen, aber durch den Film auf jeden Fall ein Fan geworden. Erst heute morgen beim Frühstück hab ich Udo gehört. Mein Vater mochte Lindenberg schon immer und hat etliche Vinyl-Platten von ihm im Schrank stehen.

Für Ihre Auftritte am Schauspielhaus Zürich gab es hymnisches Lob, von der „Süddeutschen“ bis zur Intendantin. Für Lindenberg sind Sie ein „genialer Vogel“. Wie bleibt man als Überflieger auf dem Teppich?

Keine Ahnung. Ich glaube, ich habe das manchmal gar nicht so richtig verstanden. Das ging mir mit Udo ähnlich. Als ich vor dem gesessen bin, habe ich vergessen, was für ein totaler Rockstar und welch unfassbarer Typ der ist. Nach unserem ersten Treffen fiel mir erst spät in der Nacht ein: „Wow! Wen hast du da gerade getroffen!“ Wenn nette Dinge über einen gesagt werden, freut es einen natürlich. Aber wenn man mir zu viele Komplimente macht, bekomme ich immer Herzrasen (lacht).

Auf der Bühne in Zürich zeigten Sie sich ziemlich freizügig. Auch jetzt gibt es etliche Auftritte in Unterhose – und auch ohne. Wie viel Exhibitionismus gehört zum Job?

Von unbegründeter Nacktheit halte ich wenig. Auf der Bühne sich einfach ausziehen kann jeder, dann ist auch alles gleich gesagt. Nacktheit als Beweis für vermeintlichen Mut langweilt mich ziemlich. Es wird erst interessant, wenn ein Widerstand damit einhergeht. Wenn Angst oder Peinlichkeit damit verbunden sind, wird es schauspielerisch spannend. Bevor ich mich ausziehe, möchte ich gern wissen weshalb. Und diese Sex-Szene als Udo funktioniert nun einmal nur ohne Klamotten.

Wieviel Hamlet steckt in Udo?

Eine Menge. Wobei Hamlet ja in jedem von uns steckt. Udo macht sein Ding, obwohl es gleichzeitig immer wieder Selbstzweifel gibt, denen er sich stellen muss. Auf eine einfache Formel gebracht, geht es um Genie und Wahnsinn, was gerade bei Künstlern häufig zu finden ist. Die Achterbahn geht vom Gefühl, der Größte zu sein, bis zu Depressionen und zu viel Alkohol.

Wie viele „Ich bin Udo“-Momente haben Sie gespürt?

Bei der Konzertszene in der Hamburger Laeiszhalle am Ende des Films hat es mich schon gepackt. Um uns herum waren jubelnde Komparsen im Saal und während des Konzerts hatte ich das Gefühl, eine Zeitreise in sein Leben gemacht zu haben. Die Fans, die spürbare Begeisterung und dazu die laute Musik, die ich selbst eingesungen habe. Das war kein wirklicher „Ich bin Udo“-Moment, aber ein magischer Moment, in dem Udos „Geist“, der immer dabei war, besonders deutlich wurde.

Wieviel Lindenberg steckt in Bülow?

Ich habe das Gefühl, Udo und ich sind ein bisschen seelenverwandt. Es gab in meinem Leben Situationen, von denen ich glaube, Udo hätte sich damals vielleicht ganz ähnlich verhalten. Ich würde behaupten, dass wir teilweise gleiche Gehirnwindungen haben.

Hat sich Lindenberg beim Dreh eingemischt? Sagte er: „Spiel mich mal cooler, Junge!“ oder sagte er „Mach dein Ding“?

Im Prinzip hat mich Udo schon machen lassen. Er kam nie vorbei und sagte: „Du machst das alles falsch.“ Wenn er zum Dreh kam, haben wir einfach herumgewitzelt und gequatscht. Wir konnten uns von Anfang an ziemlich gut leiden. Später hat er mir einmal gesagt, für ihn sei ich sofort „der richtige Vogel“ gewesen.

Wie groß war der Respekt des „richtigen Vogels“, die Ikone zu geben?

Nach der ersten Freude über die Rolle kam ganz schnell die totale Panik – Udo würde wahrscheinlich sagen, „Panik passt!“ (lacht). Jedenfalls habe ich mir sehr viele Gedanken gemacht und hatte wahnsinnige Angst, etwas falsch zu machen oder zu interpretieren. Hermine Huntgeburth hat mir dann klar gemacht, dass wir diese Figur neu begreifen müssen und ihre Entwicklung zeigen. Udo ist ja nicht mit einer Zigarre im Mund geboren, sondern hat sich erst langsam zu diesem Typen entwickelt. Wir wollten keine Kopie, entscheidend war, zu checken, wie der Lindenberg so tickt.

Wieso tickt Otto nicht auch im Film mit? Er lebte doch mit Lindenberg zusammen in der WG?

Otto gab es tatsächlich als Double in der WG. Aber im fertigen Film ist er nun nicht mehr dabei.

Brauchen Sie Schnittmengen zu einer Figur? Oder können Sie alles spielen, auch einen üblen Serienkiller?

Ich würde es mir zutrauen. Hamlet wird am Ende ja auch sehr fies. Den Wahnsinn zu spielen, macht schon Spaß.

Wie sieht der weitere Karriereplan aus?

Einfach mal schauen. Karrierepläne gibt es nicht, ich lasse mich treiben. Oder wie es ein älterer Kollege gerne formulierte: Schichtkäse.

Von der Bühnenrolle zur Romanverfilmung

Jan Bülow, Jahrgang 1966, angelte sich noch während seines Schauspielstudiums an der Hochschule Ernst Busch in Berlin die Hauptrolle in Shakespeares „Hamlet“ am Schauspielhaus Zürich. Nach Auftritten in dem Sozialdrama „Wanja“ sowie der Coming-Out-Geschichte „Aus der Haut” folgte vor drei Jahren die erste Hauptrolle in der Romanverfilmung „Radio Heimat“ über eine Jugendclique im Ruhrgebiet. Bülow spielte auch in der Netflix-Serie „Dogs of Berlin“.