Frankfurt/Main / epd Die Schriftstellerin Nina George fordert: Jurys sollen gesellschaftliche Vielfalt abbilden.

Die Berliner Schriftstellerin Nina George spricht sich für eine Quote in Literaturpreis-Jurys aus. Die wichtigsten Literaturauszeichnungen gingen dieses Jahr an Frauen, wie zum Beispiel der Ingeborg-Bachmann-Preis an die 80-jährige Schriftstellerin Helga Schubert und der Heinrich-Heine-Preis an die Kritikerin Rachel Salamander. Doch damit sei noch keine Gleichberechtigung im Literaturbetrieb erreicht, sagt die Präsidentin des European Writers Council, des europäischen Dachverbands der Vereinigungen von Schriftstellern und literarischen Übersetzern.

Frau George, die wichtigsten deutschen Literaturpreise sind dieses Jahr erstmalig ausschließlich an Frauen gegangen. Was bedeutet das für den Literaturbetrieb?

Nina George: Bis 2018 waren die Verteilzahlen zu Literaturpreisen der letzten 25 Jahre sehr niederschmetternd. Die so genannten renommierten Auszeichnungen gingen fast hauptsächlich an weiße Männer über 50. Dass die großen Literaturpreise 2020 bisher an Autorinnen gegangen sind, ist außergewöhnlich. Ich möchte aber in einer Zeit leben, in der es normal ist, dass Schriftstellerinnen häufig mit Preisen bedacht werden. Preise sollten grundsätzlich die Diversität einer Gesellschaft reflektieren.

Zeigt die Verteilung der Preise, dass in Sachen Gleichberechtigung alles erreicht wurde?

Nein, wir können erst von einem Fortschritt sprechen, wenn wir jeden Background mitdenken: kulturell und sprachlich, Jung und Alt, Mann, Frau und non-binäre Menschen, aus allen Milieus kommend. Wir stehen mit den jetzt geehrten Frauen erst am Anfang der Diversitäts-Debatte im Literaturbetrieb.

Obwohl die Jurys der Literaturpreise nicht über Quote besetzt sind, sind nur Frauen geehrt worden. Macht das Ihre Forderungen obsolet?

Überall, wo mit öffentlichen Fördergeldern operiert wird, sollte zwar Parität in der Verteilung ­gelten – aber eine Quote für ­Preisträgerinnen und -träger würde die Kunstfreiheit beschneiden. Eine Quote ist dennoch ein nötiges Instrument, um Jurys mit möglichst unterschiedlichen Mitgliedern zu besetzen. Das ist eine große Chance, es zumindest nicht mehr als „normal“ hinzunehmen, wenn ein Büchner-Preis die kommenden Jahre nur an Autoren geht. epd