Berlin / Dieter Oßwald Kino Willem Dafoe über seine Rolle in dem Film „Der Leuchtturm“, die anstrengenden Dreharbeiten und seine Abneigung gegen Bärte, nur weil sie im Trend sind. Von Dieter Oßwald

Er war lange der Bösewicht vom Dienst in der Traumfabrik. Doch Willem Dafoe, 64, kann nicht nur „Speed“ und „Spiderman“. In seinem Film „Der Leuchtturm“ von Robert Eggers betreibt Dafoe gemeinsam  mit Robert Pattinson auf einer einsamen Insel die Seeleuchte. Das Kammerspiel in Schwarz-Weiß gerät zunehmend zum Psychothriller der unheimlichen Art. In Cannes wurde das Werk gefeiert und preisgekrönt. Mit Oscar-Chancen ist zu rechnen.

Mister Dafoe, im Kino geben Sie gern den bösen Buben, bei Interviews erlebt man Sie als sehr freundlichen Menschen. Wie erleben Sie Ihr Image?

Willem Dafoe: Vor 20 Jahren hat man mich tatsächlich oft mit meinen Rollen verbunden, mittlerweile gehört diese Image allerdings der Vergangenheit an. Zuschauer, die vor allem gern große Studio-Filme anschauen, hatten dieses Bild des Bösewichts damals von mir. Mittlerweile habe ich vielen Filmen ganz andere Figuren gespielt. Wobei ich überhaupt nichts dagegen habe, dass die Leute mich für einen netten Typen halten! Es ist doch schön, wenn man keine Angst mehr vor mir hat. (lacht)

„Leuchturm“-Regisseur Robert Eggers erzählt, Sie wollten sich mit ihm treffen, nachdem Sie dessen „Witch“ gesehen hätten. Was hat Ihnen daran gefallen?

Ich hatte mir „Witch“ spontan im Kino angeschaut, weil ich verreist war hatte ich von dem ganzen Hype nichts mitbekommen. Die souveräne Inszenierung und Bildsprache hat mich sofort begeistert. Robert schuf eine ganz eigene, geheimnisvolle Welt, zu der man als Zuschauer leicht Zugang bekam. Ich dachte Wow, diesen Regisseur muss ich treffen.

Ist das Ihre übliche Methode, an neue Rollen zu kommen?

Das habe ich schon immer so gemacht, schon in meinen Theater-Zeiten waren die Regisseure absolut wichtig für mich. Wenn man intensiv auf einen Film reagiert, ist man neugierig darauf, wer ihn gemacht hat und was er als nächstes vor hat. Ich arbeite immer gerne mit neuen Regisseuren, das hält einen davon ab, korrupt zu werden.

Was hat Sie am „Leuchtturm“ begeistert?

Da ist zum einen die Sprache des Films, die sehr ungewöhnlich und zugleich poetisch ist. Zum anderen sind es die wunderschönen Bilder. Für mich gab es keinen Zweifel, dass Robert wieder eine besondere Welt erschaffen würde und ich wollte in dieser Welt leben. Ein zusätzlicher Reiz bestand darin, dass es sich um ein Zweipersonenstück handelt. Ich bin 64 Jahre alt und möchte Rollen, die mir etwas abverlangen. Last not least, trage ich hier den größten Bart, den ich je hatte! (lacht)

Warum haben Sie den Bart wieder abrasiert?

Heute trägt jeder Bart, das ist Trend. Ich will nicht der Typ mit dem Bart sein. Für meine nächste Rolle schlug man mir vor, einen Bart zu tragen – das habe ich abgelehnt. Mir gefällt mein Gesicht besser, wenn ich rasiert bin.

Benötigen Sie Schnittmengen mit Ihren Rollen oder könnten Sie alles spielen?

Das gehört zum Dünkel des Schauspielers, natürlich kann ich alles spielen! (lacht) Theoretisch bestehen wir aus vielen Persönlichkeiten. Um es mit Walt Whitman in „Grashalme“ zu sagen: „Ich enthalte Vielheiten“. Jeder kann alles spielen, Figuren erkennt man durch ihre Taten und wie wir sie sehen. Könnte ich einen Sumo-Ringer spielen? Auf jeden Fall!

Die Dreharbeiten in Kälte und Wasser waren vermutlich kein Ponyhof?

Der Dreh war schon hart, bisweilen hatte ich Angst, krank zu werden. Es gibt diese Szene mit Robert Pattinson, bei der wir ständig mit Wasserkanonen beschossen werden, um den Eindruck der Meeresgischt zu vermitteln. Ausgerechnet an diesem Tag hat sich das Wetter ständig verändert und wir musste die Szene endlos wiederholen. Wir zitterten vor Kälte und Robert und ich umarmten uns, um etwas Wärme zu bekommen. Das war hart – aber so etwas  bringt einen zugleich an Grenzen und verbindet: Wir fühlten uns wie zwei Männer, die in den Krieg ziehen.

In einer anderen Szene werden Sie von Robert mit Schaufeln voll Dreck beworfen. Wie ist die Atmosphäre danach?

Diese Szene war absolut kein Vergnügen. Ich saß im kalten Wasser, bekam diesen Dreck in mein Gesicht und musste dabei noch diese schwierigen Dialoge sagen. Du weißt nie, welche Schaufel Dreck dich trifft und wenn sie dich voll erwischt, weißt du nicht, wie du atmen sollst. Ich bin Robert deswegen allerdings nicht böse, eher dem Regisseur, weil wir die Szene bereits am zweiten Tag drehen mussten.

Wie war das Arbeitsverhältnis mit Robert?

Unsere Arbeitsweise ist so unterschiedlich wie unsere Figuren. Die Rolle von Robert ist meditativ, er zeigt seine Gedanken nicht und die Kamera ist stets dicht bei ihm. Er wollte keine Proben und sagte, er möchte nichts tun, solange die Kamera nicht läuft. Ich hingegen liebe Proben und brauchte sie auch, weil ich viel mehr Dialoge hatte. Das hat gewisse Spannungen verursacht, doch die spiegeln wunderbar das Verhältnis dieser Figuren. Aber es gab keinen Streit. Wir waren nett zueinander, schon deshalb, weil die Drehbedingungen so hart gewesen sind.

Was ist für Sie die wichtigste Eigenschaft in diesem Beruf?

Das wird jeder für sich anders beantworten. Für mich ist Flexibilität die wichtigste Qualität für einen Schauspieler. Damit meine ich nicht Vielseitigkeit, sondern dass man flexibel in seinem Denken ist, sich seine Offenheit bewahrt und bereit ist zu lernen.

Was halten Sie von den Bild-Montagen im Internet, in denen man Sie in der Rolle des Joker sieht?

Ich lasse die Leute machen, was immer sie möchten. Darüber denke ich nicht großartig nach – insbesondere nicht jetzt.                                      

Breites Spektrum an Rollen

Der US-Schauspieler Willem Dafoe hat eigenen Angaben zufolge deutsche, englische, irische, schottische und französische Wurzeln. Er ist bekannt für ein breites Spektrum an Rollen. Martin Scorsese machte ihn zum Jesus in „Die letzte Versuchung Christi“, für Julian Schnabel gab er „Van Gogh“, Lars von Trier engagierte ihn für „Antichrist“ oder „Nymphomaniac“ und für Wes Anderson logierte er im „Grand Budapest Hotel“.