Berlin / KNA Im Sommer 1920 markieren die Dadaisten ihren Höhepunkt mit einer Berliner Werkschau.

Was sich da vor 100 Jahren bei Galerist Otto Burchard am Berliner Lützowufer 13 abspielte, löste bei den meisten Kritikern Kopfschütteln oder Schlimmeres aus. Der große Journalist Kurt Tucholsky sprach von „Krampf“. Das Reichswehrministerium strengte gar einen Prozess an: wegen Beleidigung der Armee. Was war passiert? Am 30. Juni 1920 stellte eine Gruppe Künstler um „Marshall“ George Grosz, „Dadasoph“ Raoul Hausmann und „Monteurdada“ John Heartfield ihre dadaistischen „Erzeugnisse“ vor.

Die „Erste Internationale Dada-Messe“ in Berlin sollte zugleich die letzte sein. Dabei hatte sich die Kunstbewegung erst wenige Jahre zuvor, mitten im Ersten Weltkrieg, formiert. Mit Nonsens wollten ihre Vertreter die Sinnlosigkeit von Krieg und Gewalt bloßstellen. Zugleich hatten sie für das Kunst-Establishment nur Spott und Verachtung übrig. In seinem dadaistischen „Eröffnungs-Manifest“ fragte Hugo Ball: „Wie kann man alles Aalige und Journalige, alles Nette und Adrette, alles Vermoralisierte, Vertierte, Gezierte abtun?“ Die Antwort lieferte er gleich mit: „Indem man Dada sagt.“

Mit fast sadistischer Lust

In Berlin stopften die Dadaisten zwei Räume bis unter die Decke voll mit Collagen, Gemälden und Plakaten. „Vorweg sei betont, daß auch diese Dada-Ausstellung ein ganz gewöhnlicher Bluff, eine niedere Spekulation auf die Neugier des Publikum ist – eine Besichtigung lohnt nicht“, nahmen die Macher Einlassungen ihrer Kritiker vorweg.

Das Publikum kam natürlich dennoch. Und sah unter anderem wie Grosz unter dem Titel „Gott mit uns“ den deutschen Militarismus aufs Korn nahm. Über den Köpfen der Besucher schwebte der „Preussische Erzengel“ in Soldatenuniform, mit Schweinekopf und der Banderole „Vom Himmel hoch, da komm‘ ich her“. Mit fast sadistischer Lust träufelten die Dadaisten beißende Ironie in die Wunden einer Gesellschaft, auf der das Trauma des verlorenen Krieges lastete. Die „Deutsche Tageszeitung“ schäumte, „das deutsche Gemüt, das deutsche Herz und die deutsche Seele“ würden „mit Gewalt vergiftet“.

Die Dada-Messe schloss gleichwohl erst am 25. August 1920 ihre Pforten. Doch das Hochamt der Provokation leitete zugleich den Niedergang der Dada-Bewegung ein. Aber: Die Bewegung „zur Aufhebung des Kunsthandels“ hatte enorme Auswirkungen auf die Kunst selbst. Joseph Beuys‘ „Fettecke“ oder die Pop Art sind in gewisser Weise Dada-Erben. Und wenn sich Lady Gaga in ein Fleischkostüm zwängt, wird das gern als dadaistisch bezeichnet.

Joachim Heinz