Luzern / Von Georg Rudiger Herbert Blomstedt ist mit 92 Jahren der dienstälteste unter den Stars am Pult. Im Interview verrät er in Zeiten der Corona-Pandemie, was es ihm bedeutet, vor Publikum aufzutreten. Von Georg Rudiger

Herbert Blomstedt hat mit seinen 92 Jahren schon viel erlebt. Der vitale Schwede ist der Dienstälteste unter den renommierten, international tätigen Dirigenten. Im Augenblick leert sich sein Terminkalender, weil viele seiner vereinbarten Konzerte wegen des Corona-Virus nicht stattfinden. Im Telefon-Interview spricht er über die Bedeutung des Publikums, die Ehrlichkeit der Musik und über Kunst als Hoffnung.

Ich erreiche Sie zu Hause in Luzern. Wie verbringen Sie dort Ihren Tag?

Herbert Blomstedt: Es sind ja momentan sehr besondere Zeiten. Eben habe ich gehört, dass meine kommenden Konzerte in Oslo wegen des Coronavirus abgesagt wurden. So habe ich jetzt mehr Ruhe, Partituren zu studieren. Das tut mir auch ganz gut.

Sie gehören mit Ihren 92 Jahren zur Risikogruppe, die vom Coronavirus am stärksten bedroht ist. Wie eingeschränkt sind Sie in Ihrem Leben?

Überhaupt nicht. Ich lebe ein völlig normales Leben, fühle mich fit und habe einen ungehemmten Tatendrang.

Am Donnerstag haben die Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle in der leeren Berliner Philharmonie gespielt – das Konzert wurde kostenlos als Live Stream in der Digital Concert Hall übertragen. Was halten Sie davon?

Ich finde das sehr schön. Viele Orchester streamen inzwischen ihre Konzerte, so dass sie noch mehr Publikum weltweit erreichen können. In zwei Wochen werde ich voraussichtlich ein Konzert mit dem Schwedischen Rundfunksinfonieorchester in Stockholm mit Mozarts c-Moll-­Messe dirigieren – da wird es wahrscheinlich auch kein Konzertpublikum geben. Das ist zwar ein wenig merkwürdig, aber wir sind das gewohnt. Die Proben finden auch ohne Publikum statt. Trotzdem sind wir höchst konzentriert und freuen uns, miteinander zu spielen.

Wie beeinflusst das Publikum im Saal die Interpretation?

Die Grundkonzeption wird nicht geändert. Das Publikum hat aber einen sehr großen Einfluss auf die Konzentration des Orchesters. Die Atmosphäre im Saal kann sehr variieren. Totale Stille ist eine ungeheure Inspiration für uns.

Sie reagieren also in einem Konzert auch auf das Publikum.

Ein interessierter Zuhörer beeinflusst mich immer. Auch die Gedanken, die ich in unserem Gespräch äußere, entstehen in dieser Zuhörsituation. Darauf reagiere ich. Und das Publikum im Saal reagiert mit Stille. Das ist enorm wichtig für uns.

Die meiste Musik wurde für ein konkretes Publikum komponiert. Hat Musik auch einen Selbstzweck?

Die Musiker sind die ersten Zuhörer. Ich als Dirigent habe einen besonderen Platz, weil ich höher stehe und alles gut hören kann.  Wenn ich auf das Podium steige und müde bin oder Kopfschmerzen habe, dann verwandelt mich der erste Klang des Orchesters. Mit der Musik betrete ich eine Zauberwelt.

Und diese Zauberwelt betreten Sie nicht, wenn Sie nur die Partitur studieren und sich die Musik vorstellen?

Wenn ich die Noten lese und die Musik nur in meinem Kopf höre, dann ist das ein Vorstadium. Wenn diese Musik dann real erklingt und ich die Schallwellen auch physisch erlebe, dann entsteht ein viel intensiveres Gefühl.

Durch die Absage aller Konzerte in der gegenwärtigen Corona-Krise fällt die Musik als stärkendes Gemeinschaftserlebnis aus. Was macht das mit den Menschen?

Ich glaube, die Wirkung spürt man erst danach. Die Krise stärkt das Bedürfnis nach seelischen Inhalten. Wir sind in unserer modernen Welt so fasziniert, aber auch gefangen genommen durch die vielfältigen Eindrücke, die auf uns einprasseln. Es schwirrt auch so viel unbedeutende Musik in der Luft herum wie in der Werbung oder im Alltag. Der Verzicht auf diese Eindrücke und auch auf soziale Kontakte wird das Bedürfnis nach Kommunikation verstärken.

Ähnlich wie im Krieg ist mit der Corona-Krise und den jetzt eingeführten drastischen Maßnahmen eine besondere Lage entstanden, die den Alltag jedes einzelnen Menschen in der Gesellschaft verändert. Diese Ausnahmesituation kann zu Solidarität führen, aber auch zu Egoismus, wenn beispielsweise Hamsterkäufe getätigt werden und jeder nur an sich denkt. Was sind Ihre Beobachtungen in der gegenwärtigen Situation?

Für mich persönlich bedeutet die Situation nur, dass ich mich stärker auf meine Aufgaben konzentrieren kann. Im normalen Leben habe ich nicht immer genügend Zeit. Die Berge sind so hoch – man kann sie nie richtig besteigen. Jetzt hat man ein paar Wochen oder auch Monate geschenkt bekommen, in denen man sich das leisten kann, was man sonst vernachlässigt. Dafür bin ich dankbar. Natürlich wünsche ich mir, dass diese Krise so schnell wie möglich vorbei ist. Das ist ja auch der Sinn dieser Maßnahmen, dass es nachher besser wird und wir eine Katastrophe vermeiden können.

Die meisten Krisen tragen auch eine Chance in sich. Sehen Sie eine Chance in der Corona-Krise?

Wir haben jetzt viel Zeit zum Nachdenken. Man muss aus solchen Krisen immer das Beste machen. Zu meckern oder zu trauern hilft nicht. Jede Krise ist eine Möglichkeit zur Verbesserung.

Sie sind ein Mensch, dem soziale Kontakte sehr wichtig sind. Sie kennen die meisten Namen der Orchestermusiker, die Sie dirigieren. Was macht das mit Ihnen, wenn Sie diesen Menschen nicht mehr begegnen können?

Die Erinnerungen sind da. Das ist das einzige Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann. Dieses Paradies haben wir ständig bei uns, bis unser Gehirn stirbt. Als junger Bursche hat mich die Musik gefesselt durch zwei Dinge: die Schönheit des Klangs und die Intelligenz der Konstruktion. Später habe ich dann gelernt, dass die Musik vor allem ein Mittel ist, mit den Menschen zu kommunizieren. Jedes Orchestermitglied ist für mich ein wichtiger musikalischer Partner, dem ich intellektuell und emotional möglichst nahe kommen möchte. Aber nur in der Musik. Ich besuche sie nicht zuhause bei Kaffee und Kuchen. In der Musik begegnet man den Menschen total, weil man sich nicht verstellen kann. Man spielt ein Instrument so, wie man ist. Da entblößt man sich: im Positiven wie im Negativen. Diese Ehrlichkeit ist eine wunderbare Sache. Mit Worten kann man alles vertuschen. In der Musik geht das nicht!

In einem Interview haben Sie den Maler Gerhard Richter zitiert mit dessen Aussage: „Kunst ist die größte Form der Hoffnung.“ Was macht Ihnen im Augenblick Hoffnung?

Über diesen Satz denke ich gerne nach. Der Künstler wie auch der Komponist lebt in einer idealen Welt. Er schafft etwas aus seiner Fantasie. Menschen ohne Fantasie haben keine Hoffnung. Nur durch die Fantasie können wir uns vorwärts bewegen und vielleicht auch die Welt ein wenig verbessern. Vielleicht nicht global, aber zumindest in meinem eigenen Umfeld.

Ein in den USA geborener Schwede

Herbert Blomstedt wurde als Sohn schwedischer Eltern in den USA geboren. Er studierte Dirigieren an der Juilliard School of Music in New York City, zeitgenössische Musik in Darmstadt sowie Renaissance- und Barockmusik an der Schola Cantorum Basel.  1954 debütierte Herbert Blomstedt als Dirigent mit dem Philharmonischen Orchester Stockholm und war dann als Chefdirigent bedeutender skandinavischer Orchester tätig, u. a. in Norrköping. Bis 1963 leitete er das Sinfonieorchester des Schwedischen Rundfunks. Von 1975 bis 1985 war er Chefdirigent der Staatskapelle Dresden und von 1985 bis 1995 Music Director des San Francisco Symphony. Von 1996 bis 1998 war er Chefdirigent des NDR Sinfonieorchesters, mit dem er regelmäßig als Gastdirigent arbeitet. Von 1998 bis 2005 leitete er als Nachfolger von Kurt Masur das Gewandhausorchester Leipzig.