Ulm / Moritz Clauß In der finalen Staffel beweist die deutsche Erfolgsserie „Dark“ erneut, wie gut sie durchdacht ist – und bleibt dabei ihrer eigenen komplexen Logik treu. Von Moritz Clauß

Was, wenn schon seit dem Urknall klar war, dass dieser Text entstehen würde? An genau diesem Tag mit diesen Worten? Wenn alles, was die Menschen tun, vorherbestimmt ist? Würden wir diesen Determinismus akzeptieren oder alles daran setzen, unsere Freiheit zu erlangen? Um solche Fragen geht es in der Netflix-Serie „Dark“. Nun ist die dritte und letzte Staffel erschienen. Sie beginnt mit dem Weltuntergang.

„Dark“ war 2017 die erste deutsche Serie von Netflix und ist sowohl in Deutschland als auch international extrem erfolgreich. Den Angaben des Streamingdienstes zufolge kamen neun von zehn Zuschauern der ersten beiden Staffeln aus dem Ausland. Erst kürzlich wurde die Produktion in einer Umfrage des Filmmagazins „Rotten Tomatoes“ zur weltbesten Netflix-Serie gekürt. Das ist erstaunlich, gelten deutsche Serien doch als vergleichsweise unkreativ und brav.

Tatsächlich könnte man „Dark“ anfangs für einen mehrteiligen „Tatort“ halten. In der Kleinstadt Winden stirbt ein Mann, Kinder verschwinden. Dazu düstere Bilder von Wäldern und einem Atomkraftwerk, unterstützt von einem bedrückenden, mitunter bedrohlichen Soundtrack. Aber dann entfaltet sich innerhalb weniger Folgen ein komplexes Geflecht aus Ursache, Wirkung und erneuter Ursache. „Dark“ erzählt die Geschichten der Familien Kahnwald, Nielsen, Doppler und Tiedemann. In jeder Familie gibt es Geheimnisse, Lügen, Verrat. Im Zentrum: der Schüler Jonas Kahnwald (Louis Hofmann), der das Leben seines Vaters retten will und selbst zu sterben droht.

Es beginnt eine Reise durch die Zeit, bei der die Zuschauer geradezu gezwungen sind, immer wieder auf die Pausentaste zu drücken, damit ihr Gehirn das Gesehene verarbeiten kann. Wer die Serie nicht kennt, kann sich nun vermutlich wenig darunter vorstellen. Doch weitere Details würden zu viel verraten – wer den Hype verstehen will, muss „Dark“ selbst sehen.

Statt dem Publikum Antworten auf bestehende Fragen zu geben, liefert die finale Staffel erstmal neue Rätsel. Bisher spielte die Geschichte in verschiedenen Zeiten, nun geht es, Achtung Spoiler, in eine Parallelwelt.

Die vielleicht größte Frage: Lässt sich das Logikknäuel aus physikalischen Theorien und einer sich endlos wiederholenden Geschichte entwirren? Oder geht „Dark“ den gleichen Weg wie die US-Mystery-Serie „Lost“, deren Finale viele Fans enttäuschte, weil die Serienschöpfer von ihren eigenen Ideen überfordert schienen?

Lange lässt die Produktion das Publikum im Dunkeln. Dann löst sie im Gegensatz zu „Lost“ jeden wichtigen Knoten – und bleibt dabei ihrer eigenen Logik treu. Ganz offensichtlich hatten Jantje Friese und Baran bo Odar die Geschichte ihrer Serie von Beginn an zu Ende gedacht. Die Mantra-artige Wiederholung mancher Zitate – etwa „Der Anfang ist das Ende und das Ende ist der Anfang“ – verzeiht man da gerne.

Weil die Handlung in mehreren Zeiten spielt, sind die meisten Rollen dreifach besetzt. Das Publikum sieht Jonas und die anderen Windener als Jugendliche, als Erwachsene, als Greise – und der ständige Wechsel gelingt überzeugend. Wenn Claudia Tiedemann, im Jahr 1986 die modisch gekleidete Leiterin des Atomkraftwerks, zur zerzausten alten Frau im Jahr 2019 wird, dann läuft diese Entwicklung von der Schauspielerin Julika Jenkins zu ihrer Kollegin Lisa Kreuzer so fließend, dass man sicher ist, es handle sich um ein- und denselben Menschen. Und als plötzlich das erwachsene Ich ihres Enkels Bartosz erscheint, passt sein Gesicht hervorragend zu dem des Teenagers, der treu die Befehle seiner Auftraggeber ausführt.

Mäßige visuelle Effekte

Dieser blinde Gehorsam, mit dem einige Windener Adam – einem alten Mann mit völlig vernarbtem Gesicht – oder seiner Gegenspielerin folgen, wird nie ganz aufgeklärt. Es geht um das Paradies, um Gott und das Schicksal. Unklar ist auch, wieso bei der Produktion der dritten Staffel der Erfolgsserie nicht mehr Geld für die visuellen Effekte verfügbar war. Sie bleiben wie in den ersten beiden Staffeln mäßig. Für den Inhalt ist das egal, für das Auge nicht ganz.

Am Ende ist „Dark“ das, was sich bereits in der ersten Staffel angedeutet hat: Eine spannende Serie über die Suche nach Liebe und dem freien Willen, deren außergewöhnliche Komplexität der deutschen Filmbranche bisher fremd war. Bei dieser Suche erleben die Menschen aus Winden ständig Déjà-vus. „Dark“ aber ist kein Déjà-vu, sondern vermischt Altbekanntes so, dass etwas wirklich Neues entsteht.

Schön, dass man bei Netflix frei von den Zwängen der Sonntagabend-Krimis entschieden hat, dem Publikum diese Serie zuzutrauen.

US-Firmen setzen auf deutsche Serien

Streaming Die US-Anbieter Netflix und Amazon produzieren mittlerweile auch deutsche Serien, die sich nicht vor großen Vorbildern aus den USA und Großbritannien verstecken müssen. Die Netflix-Produktion „Unorthodox“ etwa basiert auf dem gleichnamigen Buch von Deborah Feldman und erzählt von einer jungen Frau, die ihre ultra-orthodoxe Gemeinde in New York hinter sich lässt. In „How to Sell Drugs Online (Fast)“ gründen zwei Jugendliche einen Online-Drogenhandel. Amazon hat „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ verfilmt, die Serie soll 2021 erscheinen. Sie basiert auf dem Buch von Christiane F. über drogenabhängige Jugendliche in West-Berlin.