Stuttgart / Jana Zahner Es müssen nicht immer Netflix und Co. sein: Das Trickfilm-Festival Stuttgart läuft derzeit online und präsentiert die große Vielfalt des Mediums. Von Jana Zahner

Gott ist alleinerziehender Programmierer. Klein-Christ und Klein-Antichrist lenken den himmlischen Vater ständig von der Arbeit ab. Die Folge: Chaos auf der digital erschaffenen Erde. Dinosaurier fressen Menschen. Entnervt löscht Gott sein Werk – und fängt wieder bei Adam und Eva an.

Das ist die Geschichte von „Tales from the Multiverse“. Der Kurzfilm aus dem dänischen Tumblehead Animation Studio ist einer von hunderten Filmen, die bis einschließlich Sonntag in der Online-Version des Internationalen Trickfilm-Festivals Stuttgart (ITFS) als Stream verfügbar sind. Das Angebot bietet eine willkommene Abwechslung von Portalen wie Netflix oder Disney und zeigt die enorme Vielfalt und Kreativität der Animationsfilmbranche abseits großer Studios.

Gott als Programmierer: das ist einerseits eine lustige Idee, andererseits eine Bezugnahme auf den Animationsfilm selbst. Macht es doch gerade den Reiz des Mediums aus, dass der Macher seine Bildwelten mit eigener Hand erschafft – am Bildschirm, Zeichentisch oder mit Puppen. Diese künstlerische Freiheit zeigt das ITFS-Programm in allen Facetten.

Nicht alle Filme erzählen eine Geschichte, manche Streifen wie der „Kantentanz“ zweier Studentinnen der Filmuniversität Babelsberg sind eher ein Reigen abstrakter Zeichnungen. Striche tauchen auf schwarzem Hintergrund auf, formen Vögel oder menschliche Umrisse, um kurz darauf wieder in der Dunkelheit zu versinken.

Menschen werden zum Tier

Animationsfilme unterhalten nicht nur, sondern sind auch in der Lage, durch Umkehrungen gesellschaftliche Beziehungen humorvoll zu hinterfragen. Das zeigt sich besonders bei dem Thema „Mensch und Natur“ – erstmals eine eigene Wettbewerbskategorie im Stuttgarter Festival. Zum Beispiel in „Human Nature“. Nackte menschliche Puppen räkeln sich auf der Fensterbank, urinieren auf den Teppich oder werden am Strand angespült, wo sie einen Schwall Plastikmüll erbrechen. Erst nach einigen Sekunden hat man verstanden: Mensch und Tier haben die Rollen getauscht.

Poetisch-melancholisch erzählt die kroatische Puppenanimation „Imbued Life“ von der Anziehungskraft der Natur. Die Hauptfigur ist Präparatorin, die toten Tieren eine Art zweites Leben schenkt, indem sie sie ausgestopft zurück in ihre natürlichen Lebensräume „auswildert“. Eines Tages findet sie Filmrollen in den Köpfen der Kadaver. Kann die Taxidermistin nicht nur Körper, sondern auch Erinnerungen der Tiere konservieren?

Eine Warnung vor den Folgen des Klimawandels formuliert der Kurzfilm „Wade“. In der überschwemmten indischen Großstadt Kalkutta kämpfen Menschen und Tiger ums Überleben.

Die Filmauswahl des ITFS zeigt auch: Trickfilme sind politisch engagiert. Besonders deutlich wird das an der teilweise gezeichneten Dokumentation „Zero Impunity“, die den systematischen Einsatz von Vergewaltigung und sexueller Demütigung während der Kriege im Irak, in Syrien, der Ukraine oder auf dem afrikanischen Kontinent anprangert. Hie zeigen die animierten Bilder ihr Potenzial: Sie können Augenzeugen ein Gesicht geben, die nicht vor die Kamera treten können oder wollen, und illustrieren behutsam die schrecklichen Erlebnisse der Opfer. Sie können Empathie erzeugen, ohne voyeuristisch zu sein.

Belastende Themen einfühlsam zu transportieren – ob für Erwachsene oder Kinder –, ist ohnehin eine der Kernkompetenzen des Trickfilms. Klassiker wie Disneys „König der Löwen“ versuchen Phänomenen wie Alter, Krankheit und Tod ihren Schrecken zu nehmen. Zudem werben viele Streifen für Toleranz bei ihren kleinen Zuschauern, indem sie Figuren mit Handicaps in den Mittelpunkt stellen.

Eine der Europapremieren des ITFS, „A Costume for Nicolas“ des mexikanischen Regisseurs Eduardo Rivero, geht gleich beides an: Die Handlung dreht sich um den zehnjährigen Nicolas, der das Down-Syndrom hat und den Verlust seiner Mutter verarbeiten muss.

Einziger Wermutstropfen für Familien, die gemeinsam das ITFS-Programm schauen wollen, ist, dass viele der Filme nur im Originalton mit englischen Untertiteln gezeigt werden. Wer einen kindgerechten Film in deutscher Synchronisation sucht, muss etwas stöbern. Ein solcher Langfilm ist „Johan und der Federkönig“. Der 2D-Film ist zwar 2014 erschienen und nicht Teil des aktuellen Wettbewerbsprogramms, aber sehenswert für Kinder ab sechs Jahren.

Ein Glück: Da Trickfilme oft mehr auf Bilder als auf Dialoge setzen, sind viele ausländische Produktionen ohne Übersetzung verständlich. Wie sich Gott im Homeoffice mit Kindern fühlt, können derzeit ohnehin viele Zuschauer nachvollziehen.

Hunderte Filme und ein Rahmenprogramm

Noch bis einschließlich 10. Mai findet das Trickfilm-Festival Stuttgart online unter onlinefestival.itfs.de statt. Die Streams sind teils kostenlos, teils kostenpflichtig. Von Freitag, 20 Uhr, an gibt es Tickets zum ermäßigten Preis von 5,99 Euro. Außerdem wurden weitere Filme hinzugefügt. Zudem wird das Festivalrahmenprogramm live übertragen.