Stuttgart / Jana Zahner Das 27. Internationale Trickfilm-Festival Stuttgart findet  zum ersten Mal im Netz statt. Mehrere hundert Filme sowie ein großes Rahmenprogramm stehen bis 10. Mai zum Streaming bereit. Von Jana Zahner

Schlittenhunde ziehen das rote „Tiny House“ auf Kufen, Nordlichter tanzen über den Himmel. Der Waisenjunge Colin begibt sich mit seinem Großvater auf Waljagd in die eiskalten Weiten des Nordens. Eine pastellfarbene Traumwelt, deren Gleichgewicht gestört ist. Das Packeis, über das Opa und Enkel gleiten, knirscht, splittert, bricht.

Kunstvolle Animationsfilme wie „Northern Lights“ der französischen Regisseurin Caroline Attia sollten eigentlich in diesem Jahr beim 27. Internationalen Trickfilm-Festival Stuttgart (ITFS) auf der Open-Air-Leinwand auf dem Schlossplatz und in zahlreichen Innenstadtkinos gezeigt werden. Das Festival lockt normalerweise bis zu 100 000 Besucher in die Landeshauptstadt – in Zeiten der Coronavirus-Pandemie undenkbar.

Stattdessen haben die Veranstalter das Festival unter dem Motto „Stay Animated – Go Online with ITFS“ ins Netz verlagert. Für Ulrich Wegenast und Dieter Krauß, Geschäftsführer der Film- und Medienfestival gGmbH, ein wahrer „Husarenritt“. Viel Zeit zum Umsatteln blieb den Veranstaltern nach dem Verbot aller Kulturveranstaltungen in der Landeshauptstadt am 13. März nicht. „Wir mussten Pionierarbeit leisten“, sagt Krauß. Hinzu kamen neue Arbeitsbedingungen durch Homeoffice und Videokonferenzen.

Herausgekommen ist ein bis zum 10. Mai verfügbares Streaming-Angebot mit mehreren hundert Kurz- und Langfilmen sowie Interviews und Talkrunden mit Vertretern der Kulturszene. Die Streams sind in einen kostenlosen und einen kostenpflichtigen Bereich aufgeteilt.

Ein Herzstück bilden auch bei der Online-Ausgabe des Festivals die Wettbewerbsfilme. Aufgrund rechtlicher Hürden – es handelt sich teilweise um Premieren – können nur rund 80 Prozent davon im Netz gezeigt werden.

Bis zu 90 000 Euro Preisgeld werden jedes Jahr im Rahmen des ITFS in zwölf Wettbewerbskategorien von internationalen Fachjurys vergeben. Zum ersten Mal auch der Trickstar Nature Award. Nominiert sind internationale Produktionen, die die Themen Umwelt, Nachhaltigkeit und Artenschutz aufgreifen. Damit trägt das Festival einem Trend in der Animationsbranche Rechnung. „Das Thema Ökologie treibt die Macher um“, sagt Wegenast.

Animationsfilme sind weit mehr als eine bunte Unterhaltung für Kinder, das zeigt das Festivalprogramm deutlich. Wegenast bezeichnet Trickfilme als „eine Art Weltspiegel“, der sich nicht scheut, ernste weltpolitische Themen aufzugreifen. Die animierte Dokumentation „Zero Impunity“ von Nicolas Blies and Stéphane Hueber-Blies beleuchtet beispielsweise sexuelle Gewalt in Kriegsgebieten.

Das Festival gibt zudem zahlreichen Nachwuchstalenten die Chance, ihre Werke vor einem breiten Publikum zu präsentieren. „Es ist für mich eine riesige Ehre, auf dem ITFS zu laufen“, sagt Daniela Leonhardt. Die 27-jährige Wahl-Stuttgarterin hat ihren Streifen „Hologram“ 2019 als Bachelorarbeit im Studiengang Mediengestaltung und Produktion an der Hochschule Offenburg eingereicht. Der fünfminütige Kurzfilm ist nun in der Kategorie Young Animation nominiert. Eine Mutter-Kind-Geschichte, wie Leonhardt sagt. Sie zeigt das Mädchen Ary, das auf der Suche nach Erinnerungen durch eine verlassene Welt reist. An ihrer Seite: ein futuristischer Dachs. Den Preis für den besten Studentenfilm in Höhe von 2 500 Euro stiftet die Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg und die MFG Filmförderung Baden-Württemberg. Die Preisträger werden am Sonntag bekanntgegeben.

Beim ITFS geht es jedoch nicht nur um Präsentation und Auszeichnung von Filmen (der Grand-Prix-Gewinner qualifiziert sich für die Oscars). Die Veranstaltung ist auch eine wichtige Plattform für Regisseure, Produktions- und Verleihfirmen sowie andere Branchenvertreter aus den Bereichen Animation und Games. Die vielen persönlichen Begegnungen und Gespräche, die nun entfallen, schmerzen die Veranstalter besonders. Begleitet wird die Veranstaltung traditionell durch die Fachmesse FMX sowie den Animation Production Day. Erstere fällt nun flach, für letzteres Format weichen die Teilnehmer auf Videochats aus, um neue Projekte zu diskutieren.

Wie viel das Online-Angebot finanziell auffangen kann, muss sich noch zeigen. Nach der Absage der Live-Veranstaltung verlor die Film- und Medienfestival gGmbH Sponsoren. „Vielen Kooperationspartnern geht es derzeit nicht gut“, sagt Krauß. Dafür sind die Geschäftsführer mit der Anzahl der bisher verkauften Online-Tickets zufrieden. „Ich denke, wir kommen mit einem blauen Auge raus.“

Corona inspiriert Filmemacher

Die ITFS-Veranstalter sehen positiv in die Zukunft. Da Animationsfilme ohne Schauspieler auskommen, ist die Produktion weit weniger von Corona beeinträchtigt als die übrige Filmbranche. „Ich bin mir sicher, dass sich im nächsten Jahr viele Filme mit der Corona-Pandemie und ihren Auswirkungen beschäftigen werden“, sagt Wegenast. Die Filmemacherin Daniela Leonhardt arbeitet tatsächlich an einem neuen Film. Thema von „Viorama“: Einsamkeit. Um Wettbewerbsbeiträge für 2021 muss sich das ITFS also keine Sorgen machen.

Zudem sollen künftige Festivals von dem in der Corona-Krise Gelernten profitieren: „Wir werden auf alle Fälle hybrider sein“, sagen die Geschäftsführer. „Wir haben nun die digitale Infrastruktur.“ Durch ein zusätzliches Streaming-Angebot könnte das Festival auch in Zukunft Zuschauer erreichen, die nicht nach Stuttgart reisen können.

Zur Freude von Leonhardt sollen die Wettbewerbsbeiträge von 2020 in der kommenden Festival-Ausgabe doch noch in den Stuttgarter Kinos und open air gezeigt werden. „Dann haben wir sozusagen zwei Festivals parallel“ sagt Krauß. „Northern Lights“ und „Hologram“ könnten also beim ITFS 2021 doch noch über dem Schlossplatz leuchten.

Talkrunden, Interviews, Filme

Das Internationale Trickfilm-Festival Stuttgart (ITFS) lädt unter dem Motto „Stay Animated – Go Online with ITFS“ bis 10. Mai statt auf den Schlossplatz zum Streaming unter onlinefestival.itfs.de ein. Frei zugänglich ist unter anderem der Live-Stream des Festivals: Hier stehen täglich Interviews, Talkrunden mit Vertretern der Stuttgarter Kulturszene, Kurzfilme, Konzerte sowie am Sonntagabend die Preisverleihung der Wettbewerbe auf dem Programm. In Kooperation mit der Staatsoper Stuttgart zeigen die Veranstalter am Sonntag, 10. Mai, um 9.45 Uhr „Die Liebe zu drei Orangen“. Ebenfalls kostenlos ist der Kids Stream, der von Mittwoch bis Sonntag zwischen 14 und 17 Uhr kindgerechte Filme und Workshops zur Filmproduktion bietet.

Für 9,99 Euro erhält der Zuschauer den Online-Zugang zu mehr als 200 ausgewählten Filmen und Wettbewerbsbeiträgen des ITFS; dazu zählen Kurzfilme des internationalen Wettbewerbs, des Studentenfilmwettbewerbs Young Animation, Tricks for Kids, Trickstar Nature sowie ausgewählte Langfilme des AniMovie-Wettbewerbs. Nach der Registrierung stehen die Inhalte bis einschließlich 10. Mai zur Verfügung. Bei der nächsten Ausgabe des ITFS  soll das Wettbewerbsprogramm von 2020 zusammen mit dem von 2021  in den Stuttgarter Kinos laufen.