Ein Schneewittchen, das der dunklen Königin selbst das Messer ins Herz rammt. Hänsel und Gretel, die sich als erwachsenes Geschwister-Duo mit Hexen kloppen. Alice, die sich im Wunderland in einer epischen Schlacht dem Jabberwocky stellt. Live-Verfilmungen von Märchen gab es in den vergangenen Jahren zuhauf, nicht selten mit einem modernen Touch. Oftmals blieben diese Hollywood-Produktionen jedoch weit hinter den Erwartungen zurück. In dieser Hinsicht hat das Heidenheimer Naturtheater die Nase vorn. Denn sein aktuelles Wintermärchen – eine modernisierte Version von „Dornröschen“ – schafft den Spagat zwischen Tradition und Neuanstrich.

Dass bei der von der Heidenheimer Zeitung präsentierten Premiere im Konzerthaus kein verstaubter Klassiker auf die Bühne gebracht werden würde, war bereits im Vorfeld klar. Regisseurin Pauline von Fürich (17) und ihr Regie-Assistent Andrei Grosu (16) hatten schon früh angekündigt, dass „Hinter den Dornen“ keine Eins-zu-eins-Abhandlung der Gebrüder-Grimm-Version werden sollte.

Lektion ohne erhobenen Zeigefinger

So wirft der etwas überrumpelt wirkende Prinz Clemens (gespielt von Grosu) am Ende die berechtigte Frage auf, ob die schlafende Prinzessin Rosalie (Rosanna Jiménez) denn überhaupt von ihm geküsst werden wolle. Wenn man von wahrer Liebe spricht, sollten schließlich beide ein Wörtchen mitzureden haben. Und Mutterliebe, soviel soll verraten sein, zählt ebenfalls als wahre Liebe. Dem Stück gelingt es, diese Lektion ohne erhobenen Zeigefinger, dafür mit einer gehörigen Prise Humor zu vermitteln.

Apropos Humor: Der droht, an manchen Stellen beinahe zu kurz zu kommen. Überraschend schwermütig und ernst kommt da so manche Szene daher. Glücklicherweise sorgt ein ganzes Arsenal an fantastischen Nebencharakteren in solchen Momenten für die nötige komische Auflockerung, allen voran das herrlich überdrehte Feen-Trio, gespielt von Cora Widmann, Max Barth und Anna Seifert. Großartig zu beobachten ist auch Matthias Johnson-Wagner in seiner Rolle als Rabian, dem sprechenden Raben, der gleichzeitig als Erzähler fungiert. Seine Mimik und Gestik verleihen „Hinter den Dornen“ ein angenehmes Maß an Subtilität, sogar in Szenen, in denen Rabian nur am Rand steht.

Bettine Ostermayer als die böse Fee Malia.
Bettine Ostermayer als die böse Fee Malia.
© Foto: Markus Brandhuber

Dem gegenüber steht Malia, die böse und durchaus melodramatische Fee (Bettina Ostermayer), die Prinzessin Rosalie mit dem berüchtigten Fluch belegt. Anstelle einer eindimensionalen Schurkin rückt das Stück Malias Motiv in ein anderes Licht. Verlassen, verraten und bedroht von ihrem ehemaligen Geliebten, dem heutigen König, bringt das Publikum bis zu einem gewissen Grad Verständnis für Malias Handeln auf, zumal sie ihre Taten am Ende bereut. Ihre Charakterisierung erinnert bisweilen an „Maleficent“ – eine weitere Disney-Verfilmung, die sich dem Ausgangsstoff auf eine andere Art und Weise nähert.

Insgesamt darf sich „Hinter den Dornen“ durchaus damit brüsten, dass ihm eine weniger stereotype, dafür kritischere Betrachtung des Märchens gelungen ist, die dennoch nichts von ihrem Charme verloren hat. Weil bei der ersten Regiearbeit aber natürlich gar nicht alles glatt laufen darf, hatte das Ensemble im Konzerthaus mit einigen kurzfristig auftauchenden technischen Problemen zu kämpfen. Dem Publikum, rund 350 an der Zahl waren es am Samstag, schien dies jedoch die Laune nicht getrübt zu haben. Applaus gab’s am Ende zuhauf und zu Recht.

Nur noch wenige Restkarten für „Hinter den Dornen“


Weitere Aufführungen des Wintermärchens „Hinter den Dornen“: 3. und 4. Dezember (Theatersaal im Naturtheater), 10. Dezember (Stadtgarten Schwäbisch Gmünd) sowie 11. Dezember (Walter-Schmid-Halle Giengen), jeweils ab 15 Uhr. Die Aufführungen im Naturtheater sind ausverkauft, für Schwäbisch Gmünd und Giengen gibt es Tickets unter anderem auf laendleevents.de.