Die „Zauberflöte!“, „La clemenza di Tito“, das Klarinettenkonzert; Mozart hatte alle Hände voll zu tun, als er zudem auch noch über dem Requiem saß. Der Zeitdruck war groß. Und nicht nur der. Längst brauchte Mozart das Geld, das er nicht mehr im Überfluss besaß. Und für seine Gattin Constanze galt das nicht minder. Deshalb konnte, als Mozart darüber starb, seine letzte Komposition nicht unvollendet bleiben. Die Hälfte eines satten Honorars dafür war bereits ausbezahlt worden. Um auch den Rest zu erhalten, musste Constanze Mittel und Wege finden, das Requiem fertigzustellen.

Wer daran letztlich alles beteiligt war, ist selbst bis heute nicht vollends geklärt. Vor allem aber war es Franz Xaver Süßmayr, Mozart-Schüler und, sehr wahrscheinlich, Constanzes Liebhaber. Von ihm stammt die lange Zeit Mozart und dessen „Vorahnungen“ zugeschriebene mysteriöse Datierung (1792!) auf der ersten Seite der Partitur. Und von ihr stammt das nebulöse Ablenkungsmanöver mit dem „grauen Boten“, der die Entstehungsgeschichte des Requiems lange Zeit so gruselig, spannend und undurchsichtig zugleich machte.

Der betrogene Betrüger

Denn man darf wohl davon ausgehen, dass Wolfgang und Constanze wussten, wer die Komposition bestellt hatte. Für den Vertrag war sogar ein Anwalt eingeschaltet worden. Und die Kundschaft war Franz von Walsegg, ein in der Wiener Komponistenszene bekannter Graf, der bei anderen Musik kaufte, um sie dann als die seine auszugeben. Ein solch heimliches Geschäft lohnte sich immer für beide Seiten, weshalb selbstverständlich nicht offen darüber geredet wurde. Wobei die als Witwe sofort geschäftstüchtige und an einer mit Legenden und Täuschungen umrankten Marke Mozart arbeitende Constanze es dennoch fertigbrachte, ebenso den Betrüger zu betrügen. Indem sie vertragswidrig Abschriften auch anderweitig verkaufte.

Zu viel Geschichte? Hoffentlich nicht. Aber nun zur Musik. Wolfgang Amadeus Mozart, das Requiem. Köchelverzeichnis 626. Danach kommt nichts mehr. Wobei die letzten Noten, die der Komponist von eigener Hand zu Papier brachte, die der ersten acht Takte des Lacrimosa sind. Wenig war instrumentiert, deutlich mehr skizziert. Nun ja. Am Ende wurde daraus mit all dem Drum und Dran eine knappe Stunde für die Ewigkeit. Insofern passte es in jeglicher Hinsicht, dass am vergangenen Samstag, dem Vorabend des evangelischerseits Ewigkeitssonntag gerufenen Totensonntags, in Heidenheims Pauluskirche der Oratorienchor Mozarts Requiem aufführte.

Größtmöglicher Kontrast

Sehr selbstbewusst aufführte. Das war das, was von vornherein auffiel am Samstagabend. Hier war nicht nur gut einstudiert worden, sondern deutlich mehr als nur der Wille zur Gestaltung spürbar. Und Chordirektorin Ulrike Blessing gelang gleich zu Beginn ein, wenn man das so sagen darf, feines kleines Täuschungsmanöver. Denn konnte man zunächst vermuten, die sich vor allem im Tempo manifestierende leichte Zurückhaltung insbesondere im Introitus sei Programm, so arbeitete Ulrike Blessing hier lediglich auf einen größtmöglichen Kontrast zum „Dies irae“ hin, dessen Sturm dann tatsächlich auch geradezu überfallartig einsetzte.

Bei anschließend angenehm straffem Tempo und souveränem Dirigat gestaltete der Oratorienchor diese ja geradezu romantische Tondichtung mit kontrolliert geführtem Eifer und spürbarer Anteilnahme und Freude am Gelingen, was die diesem Werk auch vergleichsweise tiefer als tief innewohnenden Schwermut und das alles durchziehende Dunkel durchaus etwas aufhellte. Wenn oft und mit Recht darauf hingewiesen wird, dass das Mozart-Requiem ohne tröstlichen Durchblick auf das Licht der Ewigkeit bleibe, so handhabte der Oratorienchor dies am Samstag – und zwar alles andere als unangenehm – mal leicht anders. Sehr angenehm auch, dass die rein anzahlmäßig bedingte Übermacht der weiblichen Stimmen zwar nicht unbemerkt bleiben konnte, dennoch der Chor und die Darbietung als Ganzes immer als in der Balance wahrgenommen werden durften.

46 berühmte Takte

Mit I Chiao Shih (Alt), Maryna Zubko (Sopran), Michael Roman (Bass) und Markus Francke (Tenor) waren sichere Solisten angetreten, wobei die taiwanesische Mezzosopranistin etwas herausragte, wohingegen sich die Stimmfarbe des Tenors beim Einsatz aller Solokräfte nicht immer uneingeschränkt in die Mischung fügen wollte. Immer auf der Höhe: das Emseble „Jadis“, das die besonderen Merkmale dieser auf herbes Streicherkolorit setzenden und unter anderem ja auf sämtliche hohen Lagen der Holzbläser oder auf warmen Hörnerklang verzichtenden Orchesterpartitur eindeutig herauszuarbeiten verstand.

Sagten wir, nach dem Requiem, nach Köchelverzeichnis 626 käme nichts mehr? Am Samstag schon. „Ave verum corpus“, Köchelverzeichnis 618, ein Werk aus dem letzten Frühling des Meisters, 46 berühmte Takte, die er für Fronleichnam 1791 dem Schullehrer Anton Stoll nach Baden übereignet hatte, nebst einem launigen Brief übrigens, in dessen Postscriptum der alte Scherzkeks Mozart den alten Bekannten wissen ließ: „Dies ist der dümmste Brief, den ich in meinem Leben geschrieben habe, aber für Sie ist er just recht.“

Das Werk ist mit „sotto voce“ überschrieben, also „unter der Stimme“ zu singen, mit äußerster Zurückhaltung in dynamischer Hinsicht. Leicht gesagt, schwierig umzusetzen, insbesondere, wenn nach vollbrachter Requiemtat die Anspannung womöglich schon der Freude darüber gewichen ist und diese sich spätestens zur zweiten Strophe Bahn bricht. Mit Fug und Recht, wir sagten das schon. Also: Machte das was? Eigentlich nicht. Großer Applaus.

Uraufführung in der Pauluskirche Heidenheim Oratorienchor Heidenheim beendet konzertantes Schweigen

Heidenheim

Nächstes Jahr im Mai


Das nächste Projekt des Heidenheimer Oratorienchors wird im Mai 2023 Felix Mendelssohn Bartholdys „Elias“ sein.