Heidenheim / Manfred F. Kubiak Beim Eröffnungskonzert der Opernfestspiele begeisterten der Pianist Federico Colli und die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter der Leitung von Łukasz Borowicz im ausverkauften Festspielhaus.

Das Leben schlägt mitunter verschlungene Pfade ein, und die Welt, so sagt und hört man, ist klein. Man trifft sich. Und warum nicht in Boston, so wie der Dirigent und Pianist Hans von Bülow und der Komponist Piotr Iljitsch Tschaikowsky.

Letzterer neigte zu eindeutigen Urteilen, wenn es um Berufskollegen ging. Sein Hausgott war Mozart. Bizet fand er klasse, Händel hingegen indiskutabel und Bach so là là. Doch „niemals noch“ hatte er sich „so gelangweilt wie bei ,Tristan und Isolde‘“.

Diese Oper wiederum hob 1865 in München als Dirigent ausgerechnet jener Hans von Bülow aus der Taufe, der zehn Jahre später in Boston Tschaikowskys erstes Klavierkonzert uraufführen sollte. Bülow, dies nur am Rande, wo wir schon im Erzählfluss sind, war der, dem seine Ehefrau Cosima und deren neuer intimer Bekannter und späterer Gatte, ein gewisser Richard Wagner, ihre erste, zwangsläufig uneheliche Tochter unterschoben. Das war ebenfalls 1865. Und das Kind hieß – Isolde.

Aha-Effekte

So viel zu dem – und nun zur Musik. Mit Piotr Iljitsch Tschaikowskys Opus 23, dem erstem Klavierkonzert in b-Moll, eröffneten vor 900 Besuchern im ausverkauften Festspielhaus die zum ersten Mal überhaupt in Heidenheim gastierende Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter der vitalen Leitung von Łukasz Borowicz und der junge italienische Pianist Federico Colli das durch und durch russische Eröffnungskonzert der Opernfestspiele. Mit einem gleich doppelten Aha-Effekt.

Denn zunächst einmal beginnt dieses Konzert ja mit dem berühmten Hornsignal, das auch kennt, wer von Tschaikowsky noch nie gehört hat und es ausschließlich mit dem „Früchtetraum“ einer Molkerei im Unterallgäu in Verbindung bringt. Wer hingegen nicht an Joghurt denkt, ist es, sagen wir mal, gewohnt, einen Pianisten zu erleben, der seine ersten Akkorde regelrecht attackiert. Partiturwidrig übrigens, worauf in beinahe schon prophetischer Weise auch im Programmheft hingewiesen wurde.

Denn was tat Federico Colli? Er stieg geradezu hauchzart arpeggierend ein und unterbot dabei, wenn man so will, das gefordert Harfenmäßige noch um einige Schattierungen. So kann man’s auch machen, wenn man gleich von Beginn an gern die uneingeschränkte Aufmerksamkeit hätte.

Verve und Hingabe

Die hatte Colli – und darüber hinaus selbstverständlich alle Hände voll zu tun. Der Virtuose aus Brescia, von seinem Äußeren her ein wenig an den seligen Pop-Star Prince erinnernd, zeigte sich dabei nicht nur verinnerlicht auf höchster Höhe, sondern ging auch mit Verve aus sich heraus, machte als pianistischer Träumer eine ebenso gute Figur wie als Tänzer oder romantischer Schwärmer, einer, der Arabesken hinzutupfen vermag und dennoch auch im Akkordhagel die Muskeln spielen lassen kann. Eine beeindruckende, bemerkenswert hingebungsvolle und vor allem sehr musikalische Interpretation reich an Farben und ohne Manierismen oder angeklebte Attitüden und mit zwei Kadenzen, die sich vor Show hüteten. Was will man mehr?

Den dritten Satz von Beethovens „Mondscheinsonate“ vielleicht? Den tatsächlich legte, presto agitato, Federico Colli als fulminante und sehr, sehr üppige Zugabe hin. Was für ein Abgang! Der Fußballverein aus Federico Collis Heimatstadt hat heuer übrigens den Aufstieg in die Serie A, die höchste Spielklasse, geschafft. Nun wissen wir nicht, was Colli von Calcio hält. Als Pianist allerdings spielt er in der Championsleague.

Finesse und Frische

Internationale Klasse haben auch der polnische Dirigent Łukasz Borowicz und die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz. Und das weiß man nun auch in Heidenheim. Wenn man anmerken möchte, dass Borowicz den Beginn des Klavierkonzertes vielleicht ein wenig zu langsam nahm, dann ist das a) Geschmackssache und b) alles, was es zu bekritteln gab an einer Vorstellung, die inspiriert und ebenso inspirierend, vor allem aber mit höchster musikalischer Kompetenz und Klangqualität hinriss. In jeder Hinsicht ein echter Genuss, interpretatorisch fein austariert zwischen Eleganz, Brillanz und Kolorit, rhythmisch und dynamisch mit vielen Finessen gestaltet und im Finale von überschäumendem Temperament, wirkte Tschaikowskys vermeintlich sattsam bekannte Reißer regelrecht wie frisch aus dem Ei geschlüpft.

Sonst praktisch nie zu hören ist das, was Borowicz und das adäquat stark besetzte Orchester noch mit im Gepäck hatten. Zwei Überraschungen von Nikolai Rimski-Korsakow, von dem man vielleicht noch seine „Scheherazade“ kennt, die im Festspielverlauf übrigens auch noch erklingen wird, aber wahrscheinlich nicht zum Beispiel die Suite „Das Märchen vom Zaren Sultan“. Wobei man, wenn in diesem Zusammenhang als Teil des Ganzen plötzlich der berühmte „Hummelflug“ anklingt, glatt schon wieder ein Aha-Erlebnis sammeln durfte.

Meister der Instrumentation

Die Handlung des Märchens spielt teilweise auf dem Meer, wo sich Rimski-Korsakow übrigens besser als jeder andere Komponist vor und nach ihm auskannte, hatte er als Seeoffizier doch an einer Weltumsegelung teilgenommen. Wenige Meister können ihm auch in der Kunst der Instrumentation das Wasser reichen. Eine Tatsache, die im Zusammenklang mit einem Orchester dieser Güte einen doppelten Genuss ergibt. Auch hier frappierte die Frische, mit der die Staatsphilharmonie ans Werk ging – und der Spaß, der damit transportiert wurde.

Und sowohl beim Zaren-Märchen als auch bei der abschließenden „Mlada-Suite“ machte diese besonders tragfähige Frische der Darbietung auch das wett, was man Rimski-Korsakow nicht ganz grundlos gern ankreidet: das häufige Wiederholen und Umspielen zu weniger Themen.

Am Ende: großer, begeisterter Beifall und auch unübersehbare Freude auf der Bühne, wo sich Łukasz Borowicz, sehr sympathisch, von jedem Musiker, der sich ohne Klettertour irgendwie erreichen ließ, per Handschlag verabschiedete. Alle dürfen bitte gern wiederkommen.