Heidenheim / Joelle Schilk Vom Café Swing auf die Naturtheaterbühne: Der erste Dichterwettstreit im Freilichttheater begeisterte über dreieinhalb Stunden hinweg mit großer Wortakrobatik und dem „besten Text der Welt“.

„Kämpft, bis euch übel wird! Das ist doch nicht zu viel verlangt! Gewinnt dieses Spiel, verdammt!“ Es waren genau diese Worte, die der 26-jährige Florian Wintels am Dienstagabend so ernst wie poetisch über die Freilichtbühne des Naturtheaters schmetterte; Worte, die er selbst ziemlich gut verinnerlicht zu haben schien.

Um es gleich vorneweg zu verraten: Das Spiel hieß in dem Fall nicht Fußball, sondern Poetry-Slam, und Florian Wintels stand am Ende des Abends als souveräner Sieger auf der Bühne. Damit gewann der Bad Bentheimer nicht nur Ruhm und Ehre, nicht nur einen tosenden Applaus, der ihm später mittels Audioaufnahme auf einer von den Besuchern selbst gestalteten Karte überreicht wurde, sondern auch einen Gutschein für professionelle Haarentfernung.

Mehr von allem

Warum wir das alles erzählen, wenn es doch an diesem Poetry-Slam-Abend ausschließlich um die Sprache gehen sollte, um die Kunst, mit Sprache umzugehen, darum, mit Sätzen zu jonglieren und am Ende den geschicktesten Wortakrobaten zu küren? Ganz einfach. Weil auf dem Programmheft zwar Poetry-Slam stand, es aber eigentlich noch so viel mehr war als das.

Und zwar mehr von allem. Angefangen bei einem Mehr an Zuschauern (das Naturtheater war restlos ausverkauft) über ein Mehr an Stimmung (Moderator Johannes Elster: „Ein Poetry-Slam ist nur so gut wie die Atmosphäre im Saal“) bis hin zu mehr, ja viel mehr Zeit – schließlich wurden die Scheinwerfer erst nach dreieinhalb Stunden wieder ausgeknipst.

So weit die Rahmendaten. Viel wichtiger aber, was auf der Bühne passiert ist. Auch das war mehr als „nur“ Poetry-Slam, wie man ihn vom Heidenheimer Café Swing gewohnt ist, auch wenn Michael Kneule wie gewohnt begrüßte und mit Johannes Elster auch die Moderation ihr bekanntes Gesicht behielt. Sogar Martin Szegedi, der in den vergangenen sechseinhalb Jahren bei jedem Heidenheimer Poetry-Slam dabei war, durfte außerhalb der Wertung ein paar seiner Kurzgedichte vortragen; musikalisch begleitet wurde der Abend außerdem vom Duo „Das Lumpenpack“.

17 Meisterschaften

„Wir haben hier sechs Slammer, die zusammengerechnet 17 Meisterschaften gewonnen haben – nur eure Herzen noch nicht. Und genau deshalb sind wir heute da“, kündigte Elster an – sein Schmunzeln ließ dabei eine leise Vorahnung aufkommen, dass sich dies bis zum Ende des Abends geändert haben könnte.

Sechs Minuten, keine Requisiten, eigener Text: So die Spielregeln. Ansonsten galt es, der Liebe zur Sprache freien Lauf zu lassen – und in der Liebe ist ja bekanntlich alles erlaubt. Ironisch-ernste Worte zum Beispiel, mit denen David Friedrich aus Hamburg sich über sogenannte „Ökos“ und damit auch über seine eigene Oma lustig machte, die in jedem Zimmer mindestens drei Aloe-Vera-Pflanzen stehen hatte und nicht genug von Globuli und Dr. Hauschka bekommen konnte. „Ökologisch war nie cool“ – Greta Thunberg hingegen schon. Dank Sprachgefühl, lässigen Sprüchen und gekonntem Um-die-Ecke-Denken applaudierte ihn das Publikum ins Finale.

Weshalb eine Mutter ihrem fast 40-jährigen Sohn noch Carepakete in Aldi-Tüten mitgibt und ob Desinfektionstücher die perfekte Begleitung für eine Zugfahrt sind, wie es die Packungsaufschrift verspricht, darüber sinnierte Andy Strauß aus Münster. „Sind samtig weich, dürfen nicht in die Hände von Kindern gelangen und töten 99 Prozent“ – also rasch zusammengeknüllt und ab damit zum nervigen Sitznachbarn.

Rhythmik und Poesie

Die beiden Damen des Abends setzten weniger auf Wortwitz, umso mehr auf Poesie, wobei vor allem Natalie Friedrich die Grenzen zwischen Vortrag, Melodie und Schauspiel immer wieder fließend ineinander übergehen ließ. Und das, wo sie doch über ein simples Reclam-Büchlein sprach – ganz frei übrigens, ohne abzulesen, was ihrem Auftritt eine ungeheure Präsenz verlieh und Goethes „Faust“ einen Funken Selbstachtung zurückbrachte. Dass sie Menschen für ziemlich dumm hält, daraus machte Jule Weber aus Bochum keinen Hehl – nahm sich selbst jedoch nicht aus, als sie von einer Liebesnacht als „Fehler im System“ sprach und das Publikum mit ihrer ganz eigenen Erzähl-Rhythmik in den Bann zog.

Dass sich Karma nicht als Glaubensrichtung eignet, sich andere Religionen mehr Mühe geben („die bringen ein richtig fettes Buch raus, und außerdem gibt es Esspapier“) und Gutherzigkeit in Form von Tofu-Karmapunkten kapitalisiert wird, prangerte der ebenfalls aus Bochum angereiste Jean-Philippe Kindler an und wurde vom Publikum prompt ins Finale geklatscht.

Wo wir wieder bei Florian Wintels wären, dem dritten Final-Kandidaten. Sein Auftritt war eine Performance, jede Geste und jedes Zucken seiner Mundwinkel schienen genau abgestimmt, die Stimmlagen einstudiert, und dennoch verschluckte die Professionalität eines Slammers, der bereits seit rund zehn Jahren auf der Bühne steht, in keiner Weise seine Spontanität. Nach seinem unheimlich rasanten Fußball-Exkurs setzte er im Finale noch mal eins oben drauf: einen Text über Ehrlichkeit, den „besten Text der Welt“, gab er zum Besten; und zwar mit Hilfe der Zuhörer, denen erst gegen Ende der ablaufenden sechs Minuten klar wurde, dass der junge Künstler sie zum Zwecke des Mainstreams geschickt eingespannt hatte und die sich am Ende mit einem entschiedenen „Ja!“ gegen seine Anweisung stellten.

Auf großem Spielfeld

Poetry-Slam im Naturtheater, ja, das war ein großes Spiel. Ein Spiel, bei dem es zwar einen Gewinner, aber keine Verlierer gab. Und vor allem ein Spiel, dessen Spielfeld sich nicht nur auf die Bühne, sondern bis in die hintersten Reihen des Publikums erstreckte. Apropos Publikum: Da war doch noch dieser dubiose Haarentfernungsgutschein...? Genau. Den hat Moderator Elster nach der Pause plänkelnd einer Zuschauerin abgeluchst, als er sie nach ihrem Beruf gefragt hatte, und spontan mit in den Siegertopf geworfen. „Wir lassen uns ja nicht lumpen!“

Doch wie bei jedem guten Spiel muss wohl auch hier vor der akuten Suchtgefahr gewarnt werden; Johannes Elster jedenfalls hat bereits eine mögliche Wiederholung im nächsten Jahr anklingen lassen.

Zur Person: Florian Wintels

Florian Wintels wurde 1993 in Bad Bentheim geboren und ist als Autor und Poetry-Slammer tätig. Er studiert in Paderborn Populäre Musik und Medien und war 2009 zum ersten Mal bei einem Poetry-Slam dabei. Wintels gewann die niedersächsisch-bremische Landesmeisterschaft 2013 und 2016 und qualifizierte sich 2013 und 2015 für das Finale der deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaft.