Heidenheim / Elena Kretschmer Beim Festakt zum 100-jährigen Bestehen des Vereins glänzte vor allem die Theaterjugend mit ihrem Können. Durch einen äußert kurzweiligen Abend führte Moderator Klaus-Peter Preußger alias Gustav Müller.

Stille. Obwohl Norbert Pfisterer am Rednerpult auf der Bühne des Naturtheaters die Lippen bewegt, kann das Publikum ihn nicht hören. Das Mikrofon ist tot. Doch schon kommt ein Mitarbeiter im schwarzen T-Shirt mit der Aufschrift Jubicrew angeflitzt und behebt mit wenigen Handgriffen das Problem. Dann kann er beginnen, der Festakt zu 100 Jahre Naturtheater Heidenheim. Es wird ein großartiger.

Just während Pfisterers kleinem Rückblick auf „100 Jahre Ringen um das beste Stück“ erscheint ein hagerer Mann mit Strohhut und beigem Leinensakko auf der Bildfläche. Mit seiner Frage „Ja wo isches denn?“ erntet er verwunderte Blicke von den rund 600 Zuschauern. Was sucht er? „S’Salamanderbächle“, wie sich herausstellt. Der freundlich dreinblickende Mann stellt sich in feinstem Schwäbisch als „Gustav Müller, Gärtnermeister“, vor, der nicht eindeutig verifizierte Gründer des Naturtheaters. Und prompt löst er Pfisterer als Redner ab.

„Jetzt werden einige von Ihnen sagen: Der Müller, der ist doch schon seit 60 Jahren tot. Aber wissen Sie, im Theater ist alles möglich“, sagt Klaus-Peter Preußger, für den Müller an diesem Abend sein, wie er sagt, „Alter Ego(n)“ ist. Er erzählt, wie „die Sehnsucht nach Frieden“ nach dem Ersten Weltkrieg 1919 eine Gruppe von 30 Leuten zum Theaterspielen gebracht und damit die Geschichte des Naturtheaters begonnen hat. Zwar sei man von vielen belächelt und verspottet worden, doch schon im März 1924 habe man eine Halle für 2000 Menschen gebaut und im Juli die Premiere von „Wilhelm Tell“ gefeiert.

Anekdoten zur Geschichte

Den gesamten Abend über bringt Müller/Preußger den Zuschauern mit kleinen Anekdoten die Entwicklung des Naturtheaters näher: angefangen bei den beliebtesten Stücken und größten Publikumserfolgen über Pleiten, Pech und Pannen, tierische Darsteller und die Vielfalt auf der Bühne bis ins Hier und Jetzt – sehr einprägsam und in kleinen Häppchen. Zwischendurch haben der Chor und die Band Erpfenbrass diverse Einsätze und, ganz besonders erfrischend, die Theaterjugend.

„Kennet ihr a bissle Hamlet spiela?“, ruft Preußger in das Loch im Bühnenboden. „Joa“, schallt es zurück und sechs Jugendliche stiefeln auf die Bühne. Bei ihrer Inszenierung der wohl wichtigsten Szene aus Shakespeares Tragödie kommt das Publikum aus dem Lachen kaum noch heraus. Der Monolog wird immer wieder von „Jetzt sag’ es doch endlich“-Rufen unterbrochen – so lange, bis das „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage“ endlich fällt. Tosender Applaus.

Youtube Festakt zu 100 Jahre Naturtheater

Nicht weniger amüsant: Die Szene aus Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“, in der sich Demetrius und Lysander um die zuvor verschmähte Helena streiten, die irgendwann empört fragt: „Was isch mit dir?“ und wutentbrannt mit den Worten „Ich lass’ mich doch hier nicht verarschen. Herrgottsack!“ die Bühne verlässt.

Auch Moritz Holzapfels zauberhafter Auftritt als leicht plumpe, behäbige Fee Tinkerbell bei einem kurzen Auszug aus „Peter Pan“ mündet in schallendes Gelächter. Zuletzt sorgt die wortlose Interpretation der Apfelschuss-Szene aus „Wilhelm Tell“ für Aufsehen: Auf erzürntes Stampfen und Fuchteln folgen wildes Schulterzucken und der Pfeil, der von einer Darstellerin in Zeitlupe durch die Luft manövriert wird, bis sie ihn schließlich in den Apfel rammt und Tells Sohn in die Hand drückt. Aus. Letzterer wird von Pauline von Fürich gespielt, die zwischen den einzelnen Szenen auch als „Nummerngirl“ fungiert. Mit einem Schild in der Hand läuft sie euphorisch über die Bühne und präsentiert so das jeweilige Stück.

Gesanglich sticht der Chor vor allem mit „I will follow him“ aus dem Musical „Sischder Ägt“ heraus, wie Preußger es verschwäbelt. Aber auch „Tradition“ aus „Anatevka“ oder „America“ aus dem aktuellen Stück „West Side Story“ animieren das Publikum zum Mitträllern und Klatschen.

Drei Festredner

Herrlich unkompliziert eingeflochten in das ganze Geschehen werden die Festreden, die zu so einem Anlass nicht fehlen dürfen. Die baden-württembergische Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst, Theresia Bauer, spricht davon, dass mit dem Naturtheater in Heidenheim „etwas Großes gewachsen“ ist, und dass „die Politik versucht, zu unterstützen, aber das Wesentliche kommt von den Leuten selber“.

Oberbürgermeister Bernhard Ilg, der früher selbst als Darsteller im Naturtheater mitgewirkt hat, weiß um dessen Wirkung in der Gesellschaft, als Imageträger und Wirtschaftsfaktor, um die Verantwortung, die man dort lernen kann und darum, wie Theater einen jung hält. Er beglückwünscht das Team mit den Worten: „Sie sind der jüngste 100-Jährige, den ich mir jemals vorstellen kann.“

Abschließend tritt der Präsident des Bundes deutscher Amateurtheater, Simon Isser, in ein Fettnäpfchen, indem er zu Beginn seiner Ansprache vom Naturtheater Reutlingen spricht, sich aber charmant mit der Begründung „Das kommt davon, wenn man so viel rumreist“ aus der Affäre zieht. Alle Festredner bekommen den nagelneuen Bildband überreicht, den sechs Studentinnen erarbeitet haben.

„Wir sehen uns wieder in 100 Jahren“, sagt Moderator Preußger zum Abschied. „Ich bin froh, wenn Sie froh gewesen sind, dass Sie da gewesen sind und Sie sind vielleicht froh, dass ich da gewesen bin.“ Der langanhaltende Applaus bestätigt das und krönt das Ende eines kurzweiligen Abends.

Das weitere Programm des Festjahres

Schon am morgigen Dienstag, 16. Juli, wird im Naturtheater weiter gefeiert. Um 20 Uhr beginnt der Poetry Slam auf der Freilichtbühne. Am Mittwoch gibt es eine Musical Night, am Donnerstag eine Kleinkunst-Gala und am Freitag wird „Herrn Stumpfes Zieh & Zupfkapelle meets Fools Garden“ gezeigt. Der Samstag steht ganz im Zeichen des Stücks „Du bist in Ordnung, Charlie Brown“, der Sonntag ist „Erpfenbrass & Viera Blech“ gewidmet. Beginn ist jeweils um 20 Uhr. ek