Heidenheim / Holger Scheerer Acht Monate wurde Meşale Tolu in einem türkischen Frauengefängnis festgehalten. Nun stellte sie in der Stadtbibliothek ihr Buch „Mein Sohn bleibt bei mir“ vor.

Zwei Jahre ist es mittlerweile her, dass das Leben der Neu-Ulmer Journalistin Meşale Tolu eine schlagartige Wende nahm. Am 30. April 2017 stürmte ein türkisches Sondereinsatzkommando ihre Wohnung in Istanbul. Eine ausgesprochene Nacht- und Nebelaktion, wie sich herausstellte, denn ein Haft- oder Durchsuchungsbefehl hatte nicht vorgelegen.

Dennoch wurde die Wohnung drei Stunden lang durchsucht und völlig auf den Kopf gestellt. Schließlich hatte man sogar etwas gefunden: eine Zeitschrift, die zwar in jeder Buchhandlung in der Türkei zu kaufen ist, dennoch aber irgendwie verdächtig nach terroristischem Propagandamaterial aussah. Tolus damals zweijähriger Sohn wurde kurzerhand beim Nachbarn abgegeben; sie selbst verschwand zunächst in einem Polizeigefängnis und wurde später in das Frauengefängnis Bakirköy verlegt, aus dem sie erst nach knappen acht Monaten wieder freikam.

Das Trauma in Buchform

Die Vorkommnisse hat Tolu in ihrem Buch „Mein Sohn bleibt bei mir“ ausführlich geschildert, das sie gemeinsam mit der Bundestagsabgeordneten Margit Stumpp am Samstagabend in der Heidenheimer Stadtbibliothek vor über 200  Zuhörern im voll besetzten Margarete-Hannsmann-Saal vorstellte.

Stumpp ist gemeinsam mit der stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der Linken, Heike Hänsel, eine der offiziellen Prozessbeobachterinnen des deutschen Parlaments. Ihre Berichte landen zunächst auf dem Schreibtisch des Bundestagspräsidenten Wolfgang Schäuble.

Eine aktive Rolle bei der Betreuung deutscher Staatsbürger, die in der Türkei inhaftiert sind, spielt das deutsche Konsulat in Istanbul. Botschafter Martin Erdmann mischte sich mit Nachdruck in den Fall Tolu ein. Seinen Bemühungen ist letztlich zunächst die Haftentlassung Tolus zu verdanken und dann nach einer weiteren Zeit der Unsicherheit auch deren Ausreiseerlaubnis.

Dies galt zunächst nicht für den ebenfalls inhaftierten Suat Corlu, den Ehemann Tolus. Er konnte erst im Oktober 2018 zurückkehren. Besonders für den gemeinsamen Sohn Serkan, der die längste Zeit bei seiner Mutter und rund 20  weiteren Frauen in einer Gemeinschaftszelle verbrachte, ist damit ein Stück Normalität zurückgekehrt. Nach Angaben der Mutter hat das Kind, die Zeit in der Haft seelisch einigermaßen unbeschadet überstanden.

Suche nach ominösen Zeugen

Der Prozess gegen Tolu wurde indessen auf den März 2020 vertagt. Momentan bemühen sich ihre türkischen Anwälte darum, zwei ominöse anonyme Zeugen vernehmen zu können, auf die sich die Anklage wegen Terrorpropaganda und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung stützen solle. Zudem liege Beweismaterial in Form von Fotos vor, die Tolu bei der Teilnahme an insgesamt vier Demonstrationen und Gedenkveranstaltungen für im Kampf gegen den IS gefallene kurdische Kämpfer zeige. Bei diesen Veranstaltungen hat es sich jedoch laut Tolu um behördlich genehmigte und öffentlich zugängliche Kundgebungen gehandelt.

Wie die ganze Sache ausgehen wird, ist noch völlig ungewiss. Die Fortsetzung des Prozesses, den Meşale Tolu mit ihren Rechtsanwälten auf jeden Fall durchfechten will, ist für den März kommenden Jahres festgesetzt worden. Bei einer Verurteilung steht eine Strafe von 15 Jahren Haft im Raum.