Emotion. Dafür steht heute zuvorderst der Sport – so man der einschlägigen Berichterstattung folgt. Emotion kennt aber auch die Kunst. Der Schaffensrausch von Künstlern oder Künstlerinnen war zumindest ein nicht weniger gängiger Topos. Doch die Kunst hat auch andere Haltungen. Im Jahr 1924 propagierte Theo van Doesburg, selbst ein Künstler, die Konkrete Kunst als neue Form der Darstellung. Nichts weiter als Farbe und Fläche sollten die Gegenstände und Mittel der Malerei sein und diese, eine geistige Kunst, sollte sich selbst genügen.

Diese, durchaus auch der emotionalen Kälte und Seelenlosigkeit geziehene Konkrete Kunst hat nun fast 100 Jahre Geschichte hinter sich. Doch hat sie auch eine Zukunft? Dieser Frage gingen bei einer Podiumsdiskussion des Kunstmuseums Heidenheim Dr. Theres Rohde, die Leiterin des Museums Konkrete Kunst in Ingolstadt und Luisa Heese, die Leiterin des Museums Kulturspeicher Würzburg nach. Mann im Bunde war mit Manuel Abendroth ein Vertreter der Konkreten Kunst, der als Mitglied der unter der Zeichenfolge „LAb[au]“ auftretenden Künstlergruppe die derzeitige Ausstellung im Kunstmuseum mit bestreitet. Als Moderator war ins Atelier von Franklin Pühn Dr. Martin Mäntele gekommen, der in Ulm das Archiv der Hochschule für Gestaltung leitet. Max Bill, Gründungspräsident dieser Hochschule, galt selbst als ein herausragender Vertreter der Konkreten Kunst.

Wunsch nach Aufzeichnung

Dass auch nach 100 Jahren ein starkes Interesse am Fortgang einer Kunstform liegt, die nichts will und nichts muss, die keine Botschaften verbreiten und nicht emotional infiltrieren will, konnte Marco Hompes, der Leiter des Kunstmuseums Heidenheim, schon daran feststellen, dass vorab von Einrichtungen in Baden-Baden, Köln und Frankfurt der Wunsch geäußert worden war, man möge dieses Gespräch in Heidenheim doch aufzeichnen. Was denn auch geschah.

Im kunsthistorischen Rückblick zeichnete Rhode die zeitliche Folge von gegenständlicher, abstrakter und Konkreter Kunst nach und beleuchtete Ausläufer und Tendenzen. Heese ihrerseits erläuterte, dass immer die Idee, ein geistiger Gedanke, den Kern der Konkreten Kunst bilde und diese in ihr Gestalt annehme. Aber bitte: keine Angst davor haben, so ihr Appell.

Für Abendroth ist die Emotion bei der Konkreten Kunst keineswegs aus dem Spiel. Vielmehr öffneten die Codes und Regeln, nach denen man Konkrete Kunst entwickle, für den Betrachter einen „Erlebnisraum“. Im Kunstmuseum hat Labau fast die gesamte Bodenfläche mit radioluminiszierenden gelben Pigmenten bedeckt, die konstant Energie abgeben. In 1600 Jahren hätte sich das Feld deswegen farblich selbst ausgelöscht. Doch auch ohne dieses Wissen über dessen eingebaute Vergänglichkeit lässt einen das Gelb nicht unbewegt. „Sie wissen gar nicht wie viel Spaß das bereitet“, beschrieb Abendroth den Gestaltungsprozess von Konkreter Kunst.

Digitalität in der Kunst?

Noch für 100 weitere Jahre werde die Entwicklung der Konkreten Kunst spannend bleiben, war Heese zuversichtlich. Dazu, so Rhode, trügen neue Materialien bei, die neue Möglichkeiten öffneten wie auch die Entwicklung der Digitalität. Wie etwa lasse sich künstliche Intelligenz für die Erstellung von Kunst nützen oder werde diese sogar Kunst selbst schaffen? „Das ist noch nicht ausgemacht“, wähnte Heese. Auch Abendroth hatte keine Zweifel, dass Konkrete Kunst eine Zukunft hat. „Es gibt dafür Material ohne Ende.“ Mehr Mittel denn je stünden den Künstlern zur Verfügung. Als Leiterinnen von Museen bezeichneten es Rhode und Heese als ihre Aufgabe, dem Publikum die Augen auch für Konkrete Kunst zu öffnen. Zudem wollte man den Blickwinkel weiten und zeigen, dass auch außerhalb Europas die Konkrete Kunst eine Geschichte und eine Gegenwart hat.