Heidenheim / Holger Scheerer Christian Keltermann zeigte im Theatercafé eine unglaubliche Energie, begeisterte aber nicht jeden mit seinen Pointen.

Deutschland ist vollkommen verblödet, stellt Christian Keltermann in seinem aktuellen Kabarett-Programm „Wutbürger“ fest. Der IQ liegt auf dem Niveau einer Baumrinde. Eine verblödete Jugend wächst heran, die sich hauptsächlich mit Komasaufen und dem Herunterladen von Klingeltönen beschäftigt. Und dies auch noch im Land der Dichter und der Denker. Keltermann versucht das Beste daraus zu machen und der an sich desaströsen Gesamtlage doch noch so etwas wie Hoffnung nährenden Humor abzugewinnen. Dies stellte sich jedenfalls mitunter vor den etwa 75 Zuschauern im ausverkauften Heidenheimer Theatercafé heraus.

Der bekennende Wutbürger teilt in seinem neuen Programm ganz schön aus. Die Themen, die er streift, scheinen geradezu endlos zu sein, denn „ich finde irgendwie alles scheiße.“ Macht er zu Hause die Türe auf, sieht er dumme Menschen, beim Einkaufen sieht er dumme Menschen und im Fernsehen ausschließlich Hohlrüben. Wäre Keltermann ein Schwabe, würde man sagen, er sei ein notorischer Grummler, aber er kommt aus Ülzen. Seine Version des Kabaretts hat etwas Misanthropisches an sich. So lange sich Keltermann sarkastisch an Alltagserfahrungen abarbeitet, gelingt ihm das ganz gut. Immer wieder rutscht er aber auch in einen Zynismus ab, der nicht ganz witzig ist und der dann im Publikum eher ein „Ah“ oder ein „Uh“ auslöst als ein Lachen. Kurzum, Keltermanns Humor ist nicht jedermanns Sache. „Wenn du brennen würdest und ich hätte Wasser, ich würd’s trinken.“

Nicht immer ganz geschmacks- und pointensicher begibt sich also der selbst ernannte Vertreter des „schwarzen Kabaretts“ durch die Themen der Zeit. Bildung ist längst überflüssig geworden, die eigene Meinung wird nicht mehr von Angesicht zu Angesicht vertreten, sondern in asozialen Netzwerken gepostet. Die Jugend hat mit dreizehn eine Raucherlunge, mit vierzehn ist sie schwanger. Freunde werden nicht gesucht, sondern per Mausklick hinzugefügt. Solchermaßen arbeitet sich Keltermann durch eine allerdings auch leicht enervierend wirkende Litanei. Was dem vollständigen Durchbruch des Programms nämlich entgegensteht, ist die einfache Erkenntnis, dass früher auch nicht alles besser gewesen ist.

Die Figur des Wutbürgers bleibt außen vor – und das nimmt man ihm in einer zunehmend verwickelter werdenden Welt nicht ganz ab, jene Rolle des unbeteiligten Zuschauers, der an der allgemeinen Misere völlig unbeteiligt ist und deshalb von moralisch einwandfreier Warte aus die ganze Welt verdammen kann. Diese Unschuld traut man Keltermanns Wutbürger nicht zu und das nimmt der Figur sehr viel an Präsenz. Was man Keltermann zugestehen muss, ist die wahnsinnige Energie, mit der er zu Werke geht. Das riecht nach Doping. Irgendwie scheint das Keltermann’sche Gehirn jedenfalls höher getaktet zu sein, als das des gewöhnlichen Zuschauers, was auch ein Grund dafür sein kann, dass nicht alle Pointen dort auf fruchtbaren Boden fallen. Man muss also von einer etwas verhaltenen Begeisterung im Theatercafé sprechen.