Schon mal was vom Bechdel-Test gehört? Der nach der amerikanischen Cartoon-Zeichnerin und Autorin Alison Bechdel benannte Test untersucht die Stereotypisierung weiblicher Figuren in fiktiven Werken. Er besteht aus drei einfachen Fragen. Werden diese positiv beantwortet, hat das Werk den Test bestanden: Gibt es mindestens zwei Frauenrollen? Sprechen sie miteinander? Unterhalten sie sich über etwas anderes als einen Mann? Würde man „Bernarda Albas Haus“ diesem Test unterziehen, würde das Stück grandios scheitern. Denn obwohl im Drama des spanischen Autors Federico García Lorca ausschließlich weibliche Charaktere vorkommen, geht es pausenlos nur um eines: einen Mann.

Die "alte Garde" der Familie: (von links) Matriarchin Bernarda (Anja Bäuerle), Großmutter Maria Josefa (Hilde Skupin) und Magd La Poncia (Stephanie Seifert).
Die „alte Garde“ der Familie: (von links) Matriarchin Bernarda (Anja Bäuerle), Großmutter Maria Josefa (Hilde Skupin) und Magd La Poncia (Stephanie Seifert).
© Foto: Rudi Penk

Warum das so ist, das will Marco Graša herausfinden. Er inszeniert das diesjährige Herbststück im Naturtheater Heidenheim und geht mit seiner Inszenierung vor allem einer Frage nach: Warum stärken und erhalten Frauen patriarchale Systeme? Das Drama handelt von Bernarda Alba und ihrer Familie. Die Matriarchin ist eine Mutter voller fanatischer Liebe und tradiertem Standesdünkel. Mit ihren absoluten und selbstgerechten Ansprüchen tyrannisiert sie alle in ihrer Umgebung. Ihre Töchter lieben sie nicht, ihre Dienstboten fürchten sie.

Nach dem Tod ihres zweiten Ehemanns ordnet Bernarda eine achtjährige Trauerzeit für das Haus und ihre fünf Töchter an. Isoliert von der Außenwelt und dem gesellschaftlichen Leben bleibt den jungen Frauen nur die Beschäftigung mit dem Nähen ihrer Aussteuer und miteinander. Nur die älteste Tochter darf sich mit dem jungen Bauernburschen Pepe El Romano verloben. Als der einzige Mann, der überhaupt in die Nähe der Schwestern kommt, beherrscht er die Träume und Sehnsüchte der Mädchen und wird zur Ursache von Hass und Missgunst der jungen Frauen untereinander.

Simple Kostüme, minimalistisches Bühnenbild

Das Stück stammt zwar aus den 1930er-Jahren, auf eine epochale Einordnung hat Marco Graša jedoch keine Lust. „Es geht um die Situation der Frauen. Das Stück hat an Aktualität nie verloren. Ich will herausschälen, was daran auch heute noch spannend ist“, so der Regisseur. Herausschälen bedeutet in diesem Fall auch minimieren. So treten im Herbststück nur acht Rollen auf, im Original sind es ein Dutzend. Kostüme und Bühnenbild sind ebenfalls enorm reduziert. Die Frauen tragen simple schwarze Trauergewänder, das eher abstrakte Bühnenbild wird einzig und allein von einer ausklappbaren Bank und langen Fadenvorhängen beherrscht. Im Stück selbst kommen nur etwa 20 Requisiten vor.

Minimalistisch, minimalistischer, „Bernarda“ – wie geht das Ensemble damit um? „Das Gefühl ist ein ganz anderes als auf der Freilichtbühne. Alles ist intensiver und intimer“, findet Lara Tschabrun. Sie verkörpert die älteste Tochter Angustias. „Man kann sich praktisch nirgends festhalten oder verstecken. Dadurch muss man viel feiner spielen und mehr Wert auf Gestik und Mimik legen.“ Um die auszuarbeiten, bleibt dem Ensemble nicht viel Zeit. Gerade einmal fünf Wochen Probezeit werden die Darstellerinnen hinter sich haben, ehe das Stück am Freitag, 7. Oktober, Premiere feiert. „Das Ensemble stemmt das gut“, glaubt Marco Graša. „Außerdem bin ich eh ein Freund von kurzen Probezeiten. So wird das Stück nicht zu mechanisch.“

Noch haben die Töchter Bernardas zu lachen: (hinten) Angustias (Lara Tschabrun), (vorne, von links) Martirio (Emma Mack), Adela (Magdalena Burg) und Amelia (Sara Boger).
Noch haben die Töchter Bernardas zu lachen: (hinten) Angustias (Lara Tschabrun), (vorne, von links) Martirio (Emma Mack), Adela (Magdalena Burg) und Amelia (Sara Boger).
© Foto: Rudi Penk

Nicht mechanisch, dafür fast schon militärisch agiert die Figur der Bernarda Alba. Sie bedient sich laut Graša militärischer Insignien, greift zur Bestrafung ihrer Töchter auch mal zur Kette beziehungsweise zur Leine. Kann man sich mit so einer Rolle identifizieren? „Ich kenne natürlich diese Momente, seine Familie beschützen zu wollen. Bernardas Handeln ist jedoch zu extrem“, erläutert Anja Bäuerle, welche die Matriarchin spielt. Trotzdem sei Bernarda kein Monster, wie Graša findet. „Sie ist keine grausame Person, sondern sie liebt einfach zu sehr.“

Lara Tschabrun ist da anderer Meinung: „Ich finde Bernarda gar nicht beschützend. Ich erlebe sie eher als egoistisch.“ Wie man sieht, lässt die Inszenierung ebenso wie das minimalistische Bühnenbild viel Raum für Interpretation. Eine klassische Lehre wird das Publikum am Ende wohl ebenfalls nicht ziehen – zumindest keine einheitliche. Die Schauspielerinnen haben da ihre jeweils ganz eigenen Auffassungen von der Moral von der Geschicht’. „Würden die Frauen in dem Drama zusammenhalten, könnten sie gemeinsam ein sehr viel besseres Leben führen“, findet etwa Magdalena Burg, welche die Adela gibt. Lara Tschabrun zieht eine andere Schlussfolgerung, wenn auch nicht ganz ohne Augenzwinkern: „Männer braucht man nicht.“

Acht Vorstellungen von „Bernarda Albas Haus“


Das Herbststück „Bernarda Albas Haus“ hätte eigentlich schon vor zwei Jahren aufgeführt werden sollen, erlebt seine Premiere aufgrund der Pandemie nun aber erst am Freitag, 7. Oktober, ab 20 Uhr im Saal des Naturtheaters. Weitere Aufführungen am 8., 14., 15., 21., 22., 28. sowie am 29. Oktober, jeweils ab 20 Uhr. Tickets gibt es bei allen bekannten Vorverkaufsstellen, im Pressehaus der HZ sowie online unter laendleevents.de