„Jo hundsvareck!“ – tönt es, nicht unfreundlich übrigens, im Backstagebereich der ehrwürdigen Kölner Philharmonie. Was ist passiert? Warum flucht da wer? Und überhaupt, wie kommt ein oberbayerischer Kraftausdruck in die heiligen Hallen eines der besten Konzertsäle im Land? Wäre es Kölsch, man könnte vermuten: Vielleicht sind die Bläck Föös wieder auf Tour. Aber so?

Die halbe Auflösung: Auf Tour ist keine Kölner Lieder-Band, sondern ein Opus-Klassik-prämiertes Spitzenorchester aus Heidenheim, die Cappella Aquileia mit Marcus Bosch, auf Gastspiel mit der Operette aller Operetten: „Die Fledermaus“. Die ganze Auflösung: Die Rolle des besoffenen Gefängniswärters Frosch, der traditionell mit einem großen Schauspieler oder Comedian aus der Aufführungsregion besetzt wird, spielt der Urbayer Andreas Martin Hofmeir, weltberühmt als Tubist und ziemlich bekannt als Kabarettist. Und dem Hofmeir ist gerade, mitten auf dem Weg zur Bühne, seine Requisite – vier Kisten Kölsch - fast umgekippt.

Eine Stunde zur Vorbereitung

Dort, auf der Bühne, wartet auf Orchester, Chor, Solisten und Dirigent der Opernfestspiele Heidenheim, auf die ganzen Techniker und eben auf Hofmeir alias Frosch ein Tanz auf Messers Schneide: Es ist kurz nach 18 Uhr. Nach kurzen zwei Probentagen im Orchesterzentrum Köln hat man gerade mal eine gute Stunde Zeit, um sich auf die komplett neuen Bedingungen der Kölner Philharmonie einzustellen - und das mit der hochvirtuosen Partitur des Walzerkönigs Johann Strauss. Auf- und Abgänge von Adele, Doktor Falke und Co. werden ausprobiert und festgelegt, Marcus Bosch erinnert die Musikerinnen und Musiker daran, dass diese Akustik kein noch so kleines Auseinanderdriften verzeiht, der Dramaturg wuselt übereifrig zwischen Saal und Sängern, um jedem einzelnen wortreich zu erklären, ob man ihn auch in Reihe 32 noch verstehen kann. An der Stelle, wo Gabriel von Eisenstein und seine Frau Rosalinde (James Kee und Leah Gordon, die ja in Heidenheim Tannhäuser und Elisabeth sind) zanken, ist noch kein Spotlight, die beiden kabbeln sich noch fast im Dunkeln. Die Sänger stehen bis zu drei Meter vor Orchester und Dirigent, sehen ihn also fast nicht, und ja: es „klappert“, ist nicht zusammen – wie verständlich das ist! Es gäbe noch viel zu klären – aber die Saaltechniker drängen, sie müssen die Bühne fertig einrichten, und danach ist sofort Einlass.

Spiellaune sofort da

20 Uhr, die konzertante Aufführung der „Fledermaus“, das Köln-Debut der Cappella Aquileia beginnt. Die gefürchtet schwere Ouvertüre läuft fast perfekt, die Cappella-Spiellaune ist sofort da. „Boah, die sind ja richtig gut!“ flüstert wer hinter mir. Auf seinem Dirigentenstuhl lehnt sich Marcus Bosch bisweilen gefährlich weit zurück, um den Kontakt mit seinen Sängern nicht zu verlieren. Die drehen sich immer mal etwas zu ihm, um den richtigen Einsatz zu erwischen, dann geht es wieder Richtung Publikum, und natürlich zu den anderen Sängern. Denn „konzertant“ heißt ja nicht, dass alle starr an der Rampe kleben beim Singen, die Figuren spielen schon miteinander, gehen auf und ab, kokettieren, disputieren, duellieren, duettieren. Das Allermeiste klappt wie am berühmten Schnürchen, und nicht nur die Sänger, sondern auch die Cappella erhält Szenenapplaus. Auf der Bühne: Lauter Musiker, die alles geben, im Publikum: Wird mitgesummt, da hören viele die „Fledermaus“ nicht zum ersten Mal. Und die anderen wippen vergnügt mit. Köln amüsiert sich. Und das muss am Bühnenpersonal liegen, denn Strauss´ Musik ist zwar hin- und mitreißend, muss aber auch erstmal so serviert werden. Doch inzwischen wissen wir: „Boah, die sind ja richtig gut“.... Am Schluss stehen viele Leute im Publikum auf. Wäre der Saal voll gewesen, wäre das eine richtige „Standing Ovation“ gewesen!

Kölsch, frisch gezapft

Und Hofmeir, der „Frosch“? Führt als Conferencier durch die erste Hälfte, als grantelnder Hausmeister durch die zweite. handfest wird er auch hier: „Jetzt spielt´s halt endlich, ihr Arschgeigen“, raunzt er zum Vergnügen der Besucher das Orchester an. „Geh, Wuschelkopf, auf geht´s“ fordert er Marcus Bosch auf, die nächste Nummer zu beginnen. Und Felix Giglberger, der Konzertmeister der Cappella, bekommt doch tatsächlich eine richtige Watsch´n verpasst.

Damit Hofmeirs vier Bierkästen unfallfrei auf die Bühne direkt zum Dirigentenpult gelangen, hat sich übrigens dann eine Lösung gefunden: Ein Haustechniker hilft. „Jo hundsvareck“ kann somit backstage bleiben. Dort gibt es nach der Vorstellung lauter glückliche Gesichter – und eiskaltes, frisch gezapftes Kölsch für alle.