Es war ein langer Weg. Und am Anfang stand da ein Mann in Heidenheims Fußgängerzone, an dessen Seite die schwarze Silhouette eines beinamputierten Kindes auf Krücken ins Auge fiel. Wer wissen wollte, was das bedeuten solle, musste den Mann ansprechen. Denn hausieren mit seinem Anliegen ging er nicht. Einmal gefragt, hielt er aber mit dem, was er beabsichtigte, nicht hinter dem Berg. Rainer Jooß wollte einen Schatten auf den Mythos Rommel werfen. So fing das an im Jahr 2015. Und nun gipfelte die Geschichte in einer Auszeichnung. Denn in Karlsruhe nahm Rainer Jooß für das auf seine Initiative hin und schlussendlich auch von ihm künstlerisch umgestaltete Heidenheimer Rommel-Denkmal das Werkbund-Label 2022 entgegen.

Der Preis wird alle zwei Jahre von der Sektion Baden-Württemberg des 1907 als wirtschaftskulturelle „Vereinigung von Künstlern, Architekten, Unternehmern und Sachverständigen“ gegründeten Deutschen Werkbundes für weltweit elf ausgewählte Projekte und Initiativen vergeben, die sich durch herausragende, innovative oder gestalterische Qualitäten und soziale oder politische Vorbildfunktionen auszeichnen. Dieses Jahr kamen Preisträger so nicht nur aus Heidenheim, sondern zum Beispiel auch aus Malawi oder von den Äußeren Hebriden.

Der Heidenheimer Weg

Die Geschichte der Umgestaltung des Rommel-Denkmals muss man nicht mehr bis ins Detail erzählen. Rainer Jooß sammelte 500 Unterschriften für sein Anliegen, wobei die erste vom Bildhauer Franklin Pühn kam, der 1961 das Denkmal gestaltet hatte und den Jooß von Anfang an in sein Vorhaben miteinbezogen hatte. Die Diskussion war eröffnet und schlug mediale Wellen nicht nur vor Ort, sondern via BBC bis nach England oder auf anderen Wegen bis Afrika. Schlussendlich votierte der Heidenheimer Gemeinderat einstimmig für die Umgestaltung des Denkmals, sodass nun seit Juli 2020 eine von Voith-Auszubildenden gefertigte Silhouette des Kinds mit Krücke, ein Hinweis darauf, dass Minen aus der Zeit des sogenannten Afrikafeldzugs nach wie vor Opfer unter der Zivilbevölkerung finden, ihren Schatten auf das Denkmal am Zanger Berg wirft.

Sehen und gesehen werden

Auf diese Art und Weise ging man in Heidenheim bei der Beschäftigung mit Geschichte und der aktuellen Forschung hierzu durchaus einen anderen Weg, als sich entweder mehr oder weniger wegzuducken oder aber ein Denkmal abzureißen und damit Geschichte gleichsam auszublenden. Auch deswegen ist der Preisträger der Meinung, dass nicht er allein, sondern Heidenheim an für sich nun stolz sein könne auf eine „Anerkennung auf höchster Ebene“. Rainer Jooß: „Der Schatten fällt aufs Rommel-Denkmal und muss deshalb beachtet werden. Wie das alles wiederum zustande gekommen ist, kann sich wirklich sehen lassen und wird, was die Auszeichnung beweist, tatsächlich ja auch gesehen.“ Oder wie es in der Würdigung durch den Deutschen Werkbund heißt: „In Zusammenwirken von Kunst und Verwaltung gelang eine sensible Modifikation des seit 1961 in Heidenheim installierten Denkmals. Die Modifikation ist vorbildlich und übertragbar auf ähnliche Projekte.“

Visuelle Dechiffrierung

Zur Preisverleihung nach Karlsruhe wurde Rainer Jooß von einer siebenköpfigen Delegation des Heidenheimer Gemeinderates mit Bürgermeisterin Simone Maiwald an der Spitze begleitet. Die Laudatio auf Rainer Jooß und die Konzeption der Denkmalsumgestaltung hielt Prof. Dr. Thomas Friedrich von der Fakultät für Gestaltung der Hochschule Mannheim und Vorstandsmitglied des Deutschen Werkbundes Baden-Württemberg. So wie die Dechiffrierung des Mythos Rommel durch die Publikationen kritischer Historiker besser sei, als darüber zu schweigen, so habe Rainer Jooß eine Art visuelle Dechiffrierung geleistet, indem er ganz wörtlich den Schatten eines durch Minen beschädigten Kindes auf Krücken auf dem Denkmal fallen lässt. Und, so Prof. Friedrich weiter: „Mit Rainer Jooß kommt nun zu den kritischen Historikern ein kritischer Kommunikationsdesigner hinzu, es sollte mehr davon geben.“

Der klassische Dreiklang

Auch Simone Maiwald ergriff in Karlsruhe das Wort und erläuterte unter anderem noch einmal, warum man sich in Heidenheim bewusst gegen eine Entfernung des Denkmals entschieden habe. Denn Bildersturm, so die Bürgermeisterin, sei sicher nicht die beste Lösung. Darüber hinaus wies Simone Maiwald auf den der Konzeption von Rainer Jooß zugrundeliegenden „klassischen Dreiklang“ hin, der nicht nur die den Schatten werfende Figur beinhalte, sondern auch die zeitgemäße historische Betrachtung des Militärhistorikers Prof. Dr. Wolfram Wette und die Website rommel-denkmal.de, die allen Interessierten weitergehende Informationen und eine fundierte Literaturliste zum Thema biete und sich auch mit Klischees und Halbwahrheiten auseinandersetze.

Für Rainer Jooß ist die Geschichte damit keinesfalls beendet. „Ich höre an dieser Stelle jetzt nicht auf. Und mein ganz großes Anliegen bleibt dabei grundsätzlich nach wie vor immer das, dass wir die Jugend nicht dem Populismus überlassen dürfen.“

Heidenheim, London, Oxford, Heidenheim


Rainer Jooß, Heidenheimer des Jahrgangs 1964, studierte Kommunikationsdesign in Würzburg und ging anschließend mit einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) nach London und machte seinen Masterabschluss. Aus England, wo er, unter anderem am British Museum, am Ashmolean Museum in Oxford und am Border Force National Museum in Liverpool, lange Jahre in verschiedensten künstlerischen Bereichen tätig gewesen war, kehrte er 2015 nach Heidenheim zurück, um sich Pflegefällen in der Familie widmen zu können.