Wäschenbeuren / Von Andreas Clasen Serie Sagen können anregend wirken. Barbara Reik hat eine kurze Wäschenbeurener Barbarossa-Geschichte in ein Buch und ein Hörspiel verwandelt. Von Andreas Clasen

Ein Satz und ein Mensch reichen manchmal, damit eine neue, sagenhafte Welt entsteht. Im Fall von Barbara Reik war das der Satz „Kaiser Friedrich Barbarossa habe eine Wäscherin geliebt, der er die Burg zu Beuren geschenkt habe“. Das ist eine Überlieferung, wie Wäschenbeuren im Landkreis Göppingen zu seinem Beinamen gekommen sein soll. Die andere besagt schlicht, in der Gemeinde wäre mal die kaiserliche Hofwäscherei der Staufer gewesen.

Da lässt es sich leicht nach­vollziehen, warum die erste Variante Reiks Fantasie deutlich mehr anregte. Ja, die Göppingerin hat von diesem einen Satz ausgehend der Wäscherin mit einem Buch ein kleines Denkmal gesetzt. „Barbarossa und die Wäscherin“ heißt es. In ihm steckt auch viel von Reik selbst, als hätte ihr ­Lebensweg sie irgendwann zu diesem Buch führen müssen. Das zeigt sich in einem Gespräch mit ihr, das natürlich nirgendwo ­anders stattfinden kann als in der Burg Wäscherschloss, Barbarossas Geschenk an seine Liebste.

Das Treffen ist am letzten Öffnungstag der Burg in diesem Jahr. Zuerst wird es von Unterhaltungen zwischen Besuchern begleitet, später vom Brummen eines Staubsaugers. Reik sitzt in einem Raum im Wohnhaus der Burg mit rustikalen Steinwänden an einer gedeckten Tafel mit Fake-Brot und Fake-Fleisch. Für die angekündigten Fotos hat sie sich ein selbst genähtes mittelalterliches Gewand angezogen, und sie eröffnet das Gespräch mit einer kleinen Enttäuschung: „Diese Burg ist zu jung, um Barbarossas Geschenk sein zu können“, sagt sie, doch zum Glück fügt sie noch hinzu: „Unter ihr sollen aber noch Reste früherer Bauten sein.“ Reik ist in ihren 60ern und wirkt hellwach. Ihre Körpersprache ist auffällig elegant, was daran liegen mag, dass sie jahrzehntelang mit Tai-Chi- und Kampfkunst-Kursen ihr Geld verdient hat.

Von den Fenstern aus ist auch der 684 Meter hohe Hohen­staufen zu sehen. Dort war der Stammsitz der Staufer und eine Burg. Im Jahr 1070 wurde sie von Barbarossas Opa erbaut. Heute erinnern auf dem Berg nur noch ein paar Grundmauern an sie. Die Staufer haben tiefe Spuren in der Region hinterlassen, auch in der Sagenwelt.

Reik kennt die Geschichten alle. Sie ist am Fuße des Berges, in Göppingen-Bartenbach, aufgewachsen und lebt bis heute dort. „Mein Opa hat mir viele Sagen aus der Gegend erzählt, als ich ein Kind war“, sagt sie. „auch die von der Wäscherin. Später habe ich sie meinen beiden Kindern und dann meinen sechs Enkeln erzählt. Heute gebe ich die Geschichten etwas ausführlicher an Schüler und in Kindergärten weiter.“

Auch das Schreiben gehört seit der Kindheit zu Reiks Leben. „Das habe ich immer getan, ganz ähnlich wie das Inszenieren.“ Zu Schulzeiten führte sie „Maria Stuart“ auf, in dem Musical „Barbarossa“ inszenierte sie 2012 die Kampfszenen und später schrieb sie mehrere Stücke über Staufer-Frauen.

Als sie dann mal im SWR-Fernsehen eine Sendung sah, „in der Barbarossa kam, die Wäscherin sah und mitnahm“, fand sie das zu simpel und entschloss sich, die Geschichte „richtig“ aufzuschreiben. Sie verfasste eine kurze Version, und der Schauspieler Peter Bold, der im Musical die Hauptrolle gespielt hatte, riet ihr, sie auszubauen.

Sie tat es, und das Ergebnis ist Reiks Denkmal aus Buchstaben: eine bewegende tragische Liebesgeschichte über eine Wäscherin, die Barbarossa die Sicht des einfachen Volks eröffnet und mit der er ein Kind haben wird. Eine spannende Sage, die zu etlichen historischen Schauplätzen in der Göppinger Region führt.

„Rund vier Wochen dauerte das Schreiben der Geschichte“, erzählt Reik. Länger nicht. Sie musste ja auch gar nicht mehr viel recherchieren. Ihr ganzes Leben lang hatte sie die nötigen Informationen dafür gesammelt.

Bold gefiel Reiks Geschichte sehr, und er schlug vor, daraus auch ein Hörspiel zu machen. Dann ging alles schnell. Reik fand einen Buchverlag und Hörspielproduzenten. 2015 erschien beides. Bis heute gibt sie Lesungen aus „Barbarossa und die Wäscherin“. „Die Reaktionen sind sehr positiv“, sagt sie am Ende des Gesprächs.

Zum Schluss stellt Reik sich für ein paar Fotos als Wäscherin ans Tor der Burg. Verträumt hält sie Ausschau nach ihrem Barbarossa, und je länger sie dort steht, desto mehr wünscht man sich, dass die Liebesgeschichte stimmen möge und Wäschenbeuren seinen Beinamen nicht von einer plumpen kaiserlichen Hofwäscherei habe.

Info Barbarossa und die Wäscherin, Barbara Reik, Einhorn-Verlag, Schwäbisch Gmünd, 2018, 2. Aufl., 144 Seiten, 13.80 Euro. Die Hörspielfassung, 125 Minuten, Yellow King Productions, kann auf www.barbarossa-und-die-waescherin.de bestellt werden.

Sagen zum Hören auf swp.de/sagen

Nach vielen positiven Reaktionen auf die Serie zwischen Weihnachten 2018 und ­Dreikönig 2019 haben wir für Sie, liebe Leserinnen und Leser, eine weitere Staffel konzipiert. Sie startet an diesem Montag und läuft in der Zeitung und auf swp.de/sagen bis zum 4. Januar. In der 2. Staffel erzählen wir ­weitere Sagen aus Baden-Württemberg oder auch von zwei Sagenwegen im Land, die ein schönes Wochenendziel für einen Spaziergang sind.

Neun Podcast-Folgen werden zudem bis zum 4. Januar auf swp.de/sagen zum Anhören erscheinen. In ihnen erzählen wir weitere Sagen wie zum Beispiel die vom Mummelsee, vom Riesen Heim oder an diesem Montag die dramatische Liebesgeschichte zwischen ­Hildegard und Karl dem Großen.

Im E-Paper werden die Podcast-Folgen auch zu hören sein. Sollte es dabei technische Probleme geben, oder möchten Sie Lob oder Kritik äußern, schreiben Sie gerne an a.clasen@swp.de. ac