Die Nepalesin Bhagawati Khatiwada und ihr Mann sind müde, «sehr müde», wie sie sagen. Seit dem frühen Morgen haben sie in den Trümmern ihres Hauses in ihrem Heimatort Devighat nach Habseligkeiten gesucht, die sie bei der Flucht vor der Flutwelle zurücklassen mussten. «Es ist kaum möglich, irgendwas rauszunehmen. Alles ist von Schlamm begraben», sagt die 50-jährige Khatiwada. Sie hat ein Schreibwarengeschäft im Ort betrieben und bezweifelt, dass es wiederaufgebaut werden kann: «Alles ist weg.»
Das Ehepaar ist im Haus von Verwandten in der Nähe untergekommen. Devighat befindet sich in der an Tibet grenzenden nepalesischen Provinz Bagmati, die von der gewaltigen Sturzflut besonders schwer getroffen wurde. Der Ort liegt etwa 60 Kilometer nördlich von Kathmandu am Fluß Trishuli, den die Flutwelle, die aus den Gletschergebieten des Himalaya-Gebirges donnernd angerauscht kam, in eine reißende Lawine verwandelte. Rund 3.000 Menschen in Nepal und China galten am Wochenende als vermisst, die Zahl der Todesopfer allein in Nepal stieg auf mehr als 700.
Abgereist, ohne irgendwas zu versprechen
Das ganze Ausmaß der Katastrophe ist weiterhin nur schwer abzuschätzen. Am Beispiel Devighats zeigt sich jedoch deutlich die tiefe Spur der Verwüstungen. Der größte Teil des Orts versinkt in einem Meer aus grauem Schlamm und Trümmerteilen. Über dem Ort verbreitet sich Modergeruch. Fast sämtliche Häuser des Orts, wo früher 1.200 bis 1.500 Menschen wohnten, sind jetzt praktisch unbewohnbar.
«In diesem Gebiet gab es etwa 300 Häuser, Hotels und kleine Läden,» sagt der 30-jährige Nepalese Raj Kumar Gajurel, der für den Lions Club tätig ist, ein internationaler Wohltätigkeitsclub. Jetzt hilft er Überlebenden der Katastrophe. «Das ganze Dorf ist jetzt verlassen.» Etwa 25 Menschen seien von den Fluten mitgerissen worden, 14 oder 15 von ihnen würden vermisst.
Regierungsvertreter einschließlich des Innenministers seien gekommen, um sich einen Überblick über die Schäden zu verschaffen. Doch seien sie wieder abgereist, ohne irgendwas zu versprechen, sagt Gajurel. Die meisten Bewohner seien in Schulen oder anderen Notunterkünften untergekommen, einige seien auch nach Kathmandu oder in andere Städte gezogen.
«Wir konnten nicht einmal Kleidung mitnehmen»
Wie Khatiwada und ihr Mann kommen auch andere Familien zurück, um ihr Hab und Gut zu retten. Die unteren Stockwerke der meisten Häuser sind vollständig von den Schlammmassen bedeckt. «Wir mussten das Essen zurücklassen und um unser Leben rennen, wir konnten nicht einmal Kleidung mitnehmen», erzählt die 35-jährige Anita Adhikari, Mutter zweier Kinder, vor ihrem schwerbeschädigten Haus stehend über den Tag der Flutwelle. Etwa zehn bis 15 Minuten vorher habe ihre Familie eine Flutwarnung erreicht.
Einige Verwandte klettern im Gebäude teils über eine Leiter durch die Stockwerke, um Sachen zu holen. Das Haus steht am Flussufer, gegenüber ist eine zerstörte Brücke zu sehen. Es gibt derzeit praktisch keine Möglichkeit, über den Fluss auf die andere Seite zu gelangen, da auch andere Brücken von den Wasser- und Schlammmassen weggespült wurden.
Suche nach Leichen
Derweil waten Suchmannschaften der Polizei und Armee durch den Schlamm, um mit Spürhunden nach Leichen zu suchen. Ihnen folgen andere mit Spaten und Klapptragen. «Vorher ging es um die Rettung von Überlebenden, jetzt konzentrieren wir uns vor allem auf die Suche nach Leichen», sagt der Einsatzleiter, der seinen Namen nicht nennen möchte, der Deutschen Presse-Agentur. Am Morgen hätten sie eine Leiche etwa einen Kilometer entfernt aus dem Schlamm ziehen können. Das Risiko einer neuen Flutwelle bleibe bestehen, sagt er besorgt.
In dem Elend gibt es kleine Hoffnungsschimmer: In einer Mittelschule etwa zwei Kilometer vom Ort entfernt sind derzeit etwa 600 Überlebende untergebracht. Dort werden sie auch von der Gemeinde und Hilfsorganisationen mit Essen versorgt, auf einem Spielplatz auf dem Schulgelände spielen Kinder. Ein Vertreter des Gemeindebüros verliest per Mikrofon vor dem Verwaltungsbüro die Namen der von der Flut vertriebenen Familien, denen Hilfsgüter zustehen - darunter Reis, Instant-Nudeln, Wasserflaschen und Hygieneartikel. Er bittet die Frauen um Verständnis, dass an diesem Tag nur Kleidung für Männer verteilt werden könne.
«Sie sagen immer: Mama, hol uns»
«Ich bringe meiner Tochter Milch», sagt die 30-jährige Samjhana Pokharel, die auch verpackte Kleidung in der Hand hält, von der sie nicht weiß, wem sie passen könnte. Die Flut habe ihrer Familie alles genommen, sagt sie. Nicht einmal das Fundament ihres Hauses sei übriggeblieben. Weil es weiter unten am Fluss gestanden habe, sei alles mitgerissen worden.
Die Betroffenen versuchen so gut es geht, sich gegenseitig zu helfen. «Alle hier leiden gleich», sagt Pokharel. Andere Häuser mögen weniger Schaden genommen haben, aber das Leid der Menschen sei im Grunde dasselbe.
Für die 28-jährige Sapna Sahani besonders bitter: Sie und ihr Mann sind von ihren beiden Kindern durch den Fluss getrennt. Ihre drei und neun Jahre alten Kinder seien in der Schule und im Kindergarten auf der anderen Seite des Flusses gewesen, als die Flutwelle kam, berichtet sie. «Die Kinder stecken dort fest, wir hier.» Um die Kinder sorgten sich derzeit ihre Lehrer, die einzige Verbindung sei das Telefon. «Sie sagen immer: Mama, hol uns.»
