An den Finanzmärkten sind die Renditen von Staatsanleihen auf Rekordniveaus hochgeschossen, Nervosität macht sich breit. Die Turbulenzen bergen nicht nur Gefahren für die Börsen, sondern auch für den Staat - bis zum einzelnen Bürger. Die wichtigsten Fragen und Antworten.
Was ist los am Anleihemarkt?
An den Finanzmärkten werden die Folgen des Iran-Kriegs und einer stark steigenden Verschuldung vieler Industriestaaten sichtbar. Die Blockade von Öllieferungen aus dem Persischen Golf hat die Ölpreise hochgetrieben, was die Wirtschaft schwächt und die Inflation schürt. Die Aussicht auf eine höhere Teuerung setzt Notenbanken wie die EZB unter Druck. Wenn die Inflation zu stark steigt, müssen sie mit Zinserhöhungen dagegenhalten. Die Spekulation auf steigende Leitzinsen sorgt für den Anstieg der Renditen für Staatsanleihen.
Zuletzt hat sich die Lage zugespitzt, weil Anleger die Hoffnung verlieren, dass sich die Öllieferungen durch die Straße von Hormus wieder normalisieren. Bei einer Versteigerung von US-Staatsanleihen lagen die Renditen mit einer Laufzeit von 30 Jahren bei über fünf Prozent auf dem höchsten Stand seit 25 Jahren. «Die Renditen langfristiger US-Staatsanleihen haben inzwischen wieder Niveaus erreicht, die zuletzt vor der globalen Finanzkrise zu beobachten waren», schreibt die Deutsche-Bank-Fondstochter DWS.
Auch Deutschland bleibt nicht verschont: Bei den richtungsweisenden Bundesanleihen mit zehn Jahren Laufzeit stieg die Rendite bis auf 3,25 Prozent - der höchste Stand seit 15 Jahren.
Droht eine neue Schuldenkrise?
«Bislang sind steigende Anleiherenditen kein Anzeichen für eine unmittelbare Schuldenkrise», meint Eiko Sievert, der bei der Rating-Agentur Scope die Ratings für die USA und die EU verantwortet. Sie spiegelten aber wachsende Bedenken von Investoren wegen hoher Haushaltsdefizite wider.
Zumindest in den USA ist die Lage angespannt. Die Finanzpolitik unter Donald Trump wird an den Börsen zunehmend als Risiko gesehen, wenngleich noch nicht als Schuldenkrise. Jüngst hat der amerikanische Schuldenberg die Marke von 40 Billionen Dollar gerissen - eine 40 mit zwölf Nullen. Nach Einschätzung des Bankhauses Metzler muss das US-Finanzministerium rund 100 Milliarden Dollar pro Monat allein für Zinsen aufwenden - Tendenz steigend.
Noch sind die USA mit der Weltleitwährung Dollar resistenter für eine Krise als andere Länder. Aber sollte in Amerika eine Schuldenkrise ausbrechen, wären die Folgen an Finanzmärkten global und dürften Deutschland nicht verschonen.
Wie reagieren die USA?
Zuletzt hat die Regierung versucht, die Rendite für US-Staatsanleihen nach unten zu drücken, um den Schuldendienst günstiger zu machen. Mit der Ankündigung, künftig mehr eigene Anleihen kaufen zu wollen, konnte das US-Finanzministerium aber nur zeitweise die Renditen etwas senken.
Wie ist die Lage in Deutschland und Europa?
Gemessen an den USA ist die Verschuldung in Deutschland deutlich geringer. Die Schuldenquote, der Schuldenstand im Verhältnis zum nominalen Bruttoinlandsprodukt, liegt etwa bei der Hälfte mit 63,5 Prozent.
Deutschland, die Niederlande und die nordischen Staaten würden nach wie vor als vergleichsweise sichere Schuldner angesehen, schreibt Sievert von Scope. «Länder mit hohen Schuldenständen wie Italien sowie Staaten mit hohen Defiziten und steigenden Schuldenquoten wie Frankreich werden dagegen genauer beobachtet.»
Doch auch in Deutschland ist nicht alles rosig, denn mit Milliardenausgaben für Infrastruktur und Verteidigung wächst auch hier der Schuldenberg.
Was sind die Folgen für Verbraucher?
Mit den Turbulenzen am Anleihemarkt sind die Aktienmärkte unter Druck geraten. Der jüngste Rekordlauf ist erst einmal gestoppt. Sparer, die per Indexfonds etwa in den Weltaktienindex MSCI World investieren, merken das in ihrem Depot. Umgekehrt profitieren Gold-Anleger, da Investoren Sicherheit suchen und das Edelmetall sich nach deutlichen Kursverlusten wieder erholt. Die Folgen sind aber nicht auf die Börse begrenzt.
Was bedeuten hohe Anleiherenditen für den deutschen Staat?
Steigen die Anleiherenditen, wird die Aufnahme neuer Schulden teurer. Schon jetzt muss Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) sparen. Einschnitte etwa beim Wohngeld und beim Elterngeld waren die Folge.
«Wir erwarten, dass Anleiherenditen für Deutschland, aber auch für andere Staaten und Emittenten, langfristig auf einem relativ hohen Niveau verbleiben werden», schreibt Julian Zimmermann, Analyst bei Scope. Dadurch dürften die Zinsausgaben des Bundes steigen und weniger Mittel für andere Vorhaben zur Verfügung stehen. «Das erhöht den Druck, die Staatsfinanzen zu konsolidieren und die Defizite langfristig zu senken.»
Ist das deutsche Spitzenrating in Gefahr?
Der wachsende Schuldenberg Deutschlands erhöht nach Einschätzung von Ökonomen die Gefahr, dass Deutschlands Kreditwürdigkeit sinkt. Bisher signalisiert das Spitzenrating AAA («Triple A») Investoren eine sehr niedrige Wahrscheinlichkeit, dass deutsche Staatsanleihen ausfallen. Sollten die Ratingagenturen Deutschland die Bestnote tatsächlich entziehen, würde es für den Staat teurer, sich bei Investoren frisches Geld zu besorgen. Mit höheren Zinskosten könnte weniger Geld etwa für Investitionen und Sozialleistungen zur Verfügung stehen.
So weit ist es aber noch nicht. Alle drei US-Rating-Agenturen S&P, Moody's und Fitch bewerten Deutschland weiter mit «Triple A», ebenso die europäische Agentur Scope. Deutschland habe erhebliche fiskalische Puffer, sagt Zimmermann. Deutschland könne sich im Vergleich zu den meisten anderen Ländern weiter günstig finanzieren.
