Ridley Scott gehört zu den großen Regisseuren der vergangenen Jahrzehnte. Wegweisende Science-Fiction-Klassiker wie «Alien» und «Blade Runner», das Roadmovie «Thelma & Louise» sowie das gefeierte Monumentalepos «Gladiator» zählen zu den berühmtesten Filmen des mittlerweile 88-Jährigen, der mühelos zwischen den Genres wechselt.
Nach den Historienepen «Napoleon» und «Gladiator II» schlägt Scott mit der Romanverfilmung «Das Ende der Sterne» deutlich leisere Töne an. Die Geschichte von Peter Heller habe ihn gereizt, «weil sie ruhig und sehr persönlich war und ein großes, sehr düsteres Thema mit feinsinnigem Humor und viel Gefühl behandelt», sagte der 88-Jährige der Deutschen Presse-Agentur in London.
Statt großer Schlachten erzählt das dystopische Drama von einer weitgehend entvölkerten, feindseligen Welt - und von Menschen, die nach einer globalen Katastrophe ums Überleben kämpfen, während sie nach Nähe suchen.
Zwischen Überlebenskampf und Hoffnung
Im Jahr 2035 hat eine tödliche Grippe den Großteil der Menschheit ausgelöscht. In der zerstörten Welt haben sich der Mechaniker Hig (Jacob Elordi) und der militärische Überlebensexperte Bangley (Josh Brolin) auf einem verlassenen Flugplatz im US-Bundesstaat Colorado ein abgeschottetes Zuhause geschaffen. Immer wieder müssen sie das Gelände gegen marodierende Gruppen verteidigen. Scharfschütze Bangley fackelt nie lange.
Während der Ex-Soldat das Gelände bewacht, fliegt Hig mit seiner Cessna durch die Umgebung und versorgt die Mennoniten-Gemeinschaft um Anführer Aaron (Benedict Wong) mit Lebensmitteln. Er hat die Hoffnung nicht aufgegeben, dass es außerhalb ihrer kleinen Welt noch Menschlichkeit und Gemeinschaft gibt.
Als Hig eines Tages eine Funkübertragung empfängt, beschließt er gegen Bangleys Warnung, ihrem Ursprung nachzugehen. Mit seinem Hund Jasper macht er sich auf die gefährliche Reise ins Unbekannte. Dabei trifft er die freundliche Cima (Margaret Qualley) und ihren misstrauischen Vater Pops (Guy Pearce), die abgeschieden in einem Canyon leben.
Postapokalypse ohne Zombies
Ein Virus, der einen Großteil der Menschheit auslöscht, Einzelgänger auf der Suche nach Vorräten in ausgestorbenen Städten, die ständige Angst vor dem, was da draußen lauert - zunächst mutet «Das Ende der Sterne» wie ein postapokalyptischer Horror- oder Zombie-Thriller an. Die ersten Szenen erinnern stark an die Richard-Matheson-Verfilmungen «Der Omega-Mann» und «I Am Legend».
Doch auch wenn manche Überlebende äußerst seltsam und bedrohlich wirken - Zombies oder grotesk mutierte Kreaturen gibt es in dieser Geschichte nicht. Überhaupt stehen die Begegnungen mit feindseligen Gestalten in «The Dog Stars» (Originaltitel) eher im Hintergrund der Handlung.
Hig kehrt immer wieder allein in sein verlassenes Wohnhaus zurück, wo die Erinnerung an seine gestorbene Frau allgegenwärtig ist. Jacob Elordi («Wuthering Heights») spielt ihn als stillen, in sich gekehrten Mann. Trotz seiner Trauer hält er in der brutalen Welt an seinem Glauben an das Gute im Menschen fest.
Elordi und Brolin über die Arbeit mit Scott
Ursprünglich sollte Paul Mescal Hig spielen. Wegen der Dreharbeiten zu Sam Mendes' Beatles-Filmen, in denen Mescal Paul McCartney verkörpert, übernahm Elordi. Der 29-Jährige schwärmte im dpa-Interview vom Dreh mit Scott. «Er ist unglaublich witzig, hat eine unvergleichliche Energie und arbeitet als Regisseur in jeder Hinsicht eng mit seinen Schauspielern zusammen.»
Sein Co-Star Josh Brolin, der vor fast 20 Jahren «American Gangster» mit Scott gedreht hatte, sagte dpa, er sei vor der erneuten Arbeit mit ihm nervös geworden. «Das passiert, wenn man mit jemandem zusammenarbeitet, der herausragend ist, und man sich fragt: "Warum bin ich hier? Warum hat er mich ausgewählt?"», so Brolin. Am Ende sei es «eine der schönsten Arbeitserfahrungen meiner Karriere» geworden.
Wunderschöne Landschaften
«Das Ende der Sterne» punktet vor allem visuell mit weiten Landschaftspanoramen und eindrucksvollen Luftaufnahmen. Ridley Scott kostet Higs regelmäßige Flüge voll aus, unterstützt von der zurückhaltenden Musik seines Weggefährten Harry Gregson-Williams («Der Marsianer», «House of Gucci»).
Gedreht wurde fast komplett in Italien. Für die Rocky Mountains doubeln die Dolomiten, die Mennoniten-Gemeinde liegt tatsächlich in den venezianischen Voralpen. Higs früheres Wohnhaus und das zerstörte Denver entstanden in Rom und Umgebung. Auch in den Abruzzen und in den berühmten Cinecittà-Studios wurde gedreht.
Schöne Bilder, wenig Geschichte
Während die Bilder faszinieren, hapert es an der Geschichte. Fast eine Stunde vergeht, bevor die Handlung erstmals Fahrt aufnimmt - und auch das nur kurz. Vereinzelte Actionszenen und ein bizarrer Auftritt von Alison Janney reißen den Film kurzzeitig aus seiner kontemplativen Ruhe, geben ihm aber keinen nachhaltigen erzählerischen Zug. Mitunter fühlt es sich an, als würde man eine Landschaftsdokumentation schauen.
Das langsame Tempo wäre dabei nicht grundsätzlich ein Problem. Doch Scott findet zu selten Momente, in denen aus Higs Trauer, seiner Hoffnung und seiner Suche nach anderen Menschen echte Spannung entsteht. So bleibt «Das Ende der Sterne» trotz starker Darsteller und beeindruckender Bilder merkwürdig distanziert. Am Ende hat man viel gesehen - aber erstaunlich wenig erlebt.
