Es sind verheerende Schlagzeilen, und das ausgerechnet aus der Schweiz, dem Musterland für Qualität und Ordnung: Seit 1. Januar gab es 41 Tote durch einen verheerenden Brand in einer Bar in Crans-Montana, sechs Tote in einem ausgebrannten Bus in Kerzers, in dem sich ein psychisch Kranker angezündet hat, eine Tote beim Absturz einer Gondel bei heftigem Wind im Skigebiet von Engelberg. Was ist da los?
Roger Köppel, Politiker der populistischen SVP und Herausgeber der rechten Wochenzeitung «Weltwoche», poltert in seinem täglichen Podcast: «Ist das die totale Verlotterung der Schweiz?»
In Crans-Montana zeigten die mangelnden Brandschutzkontrollen Behördenpfusch. In Kerzers habe die Behördenaufsicht eines psychisch Kranken versagt. Zu Engelberg sagt Köppel: «Es windet ein bisschen am Berg und die Gondel stürzt ab.» Wie sich herausstellt, hatte der Gondelhersteller 2022 eine Nachrüstung von Klemmen angeboten, die die Gondel am Seil halten, der Seilbahnbetreiber war darauf aber nicht eingegangen. «Die Schweiz muss wirklich aufpassen, dass sie nicht auch verlottert, wie so vieles um uns herum», meint Köppel.
Risse im Heidiland-Image?
Die heile Welt der Schweiz als Heidiland, in der alles sicher ist – das bekomme durch solche Unglücke Risse, sagt Jürg Stettler, Professor am Institut für Tourismus und Mobilität an der Hochschule Luzern der Deutschen Presse-Agentur. Auch die Schweiz sei nicht gefeit vor Klüngelwirtschaft, wenn auch nicht im selben Ausmaß wie in manchen anderen Ländern. «Drei Fälle in so kurzer Zeit sind erschütternd», sagt er.
«Die Schweiz muss sich unangenehme Fragen stellen: Lebt sie noch von ihrem Image, während die Realität eine andere ist?», sagt Stettler. «Die Schweiz täte gut daran, in den Spiegel zu schauen, selbstkritisch zu sein und ihre Hausaufgaben zu machen.» Die Schweiz positioniere sich gerne als Klassenprimus mit «weltmeisterlichem Qualitäts- und Zuverlässigkeitsimage». Die Erwartungen seien hoch, die Fallhöhe entsprechend groß.
Die Schweizer Extremsportlerin Evelyne Binsack war am Tag des Unglücks in der Region Engelberg, wo die Gondel abstürzte. Sie hatte ihre Tour wegen heftiger Winde abgebrochen. Warum fuhr die Gondelbahn noch? «Es scheint, dass die Verantwortlichen der Technik mehr vertrauten als dem gesunden Menschenverstand», sagte sie der Schweizer Zeitung «Blick». «Es ist eine Art Zeitgeist, der mich beunruhigt.»
In Umfragen war das Image bislang immer gut
Das Ansehen der Schweiz im Ausland ist traditionell hoch. Bei «Nation Branding»-Umfragen, die Ansehen, Image und Attraktivität von Nationen messen, kommt die Schweiz im Vergleich mit anderen Ländern immer auf die ersten Plätze. 2024 lag sie bei repräsentativen Umfragen laut Außenministerium im Gesamteindruck vor Kanada, Schweden, Dänemark, den Niederlanden und Deutschland auf dem ersten Platz. Neuere Umfragen liegen noch nicht vor.
«Was wir zum Image der Schweiz im Ausland wissen: Das Vertrauen ist sehr hoch, die Schweiz wird als stabil und sicher wahrgenommen», sagt Alexandre Edelmann, Chef der zuständigen Abteilung «Präsenz Schweiz». Trotz der Unglücke habe es nach erstem Anschein keine Ferienstornierungen gegeben. «Wir gehen nicht davon aus, dass diese Wahrnehmung langfristig gestört ist», sagt er der dpa.
Eine Frage des Geldes und der Werte
In Bezug auf Crans-Montana sagt Edelmann: «Auch für Schweizerinnen und Schweizer war es ein Schock, dass so etwas in der Schweiz passieren kann. Man geht davon aus, dass in der Schweiz Regeln respektiert und Gesetze korrekt umgesetzt werden. Das war in Crans-Montana nicht der Fall.» Dass Politiker sich entschuldigten und mit Besuchen bei Verletzten in Nachbarländern ihre Anteilnahme zeigten, sei positiv aufgenommen worden.
Für Stettler sind solche Tragödien zum Teil eine Frage des Geldes. Zum Beispiel, wenn es darum gehe, ob Klemmen an einer Gondel nachgerüstet werden oder nicht, oder ob man die Zahl der Gäste in einer Bar wie in Crans-Montana auf ein sicheres Maß begrenzt. «Aber das greift zu kurz», sagt Stettler. Es gehe auch um Werte, Achtsamkeit und Qualität. Jeder mit Führungsverantwortung müsse sich in seinem Verantwortungsbereich nun fragen: «Was muss ich tun, damit die Kunden Vertrauen haben?»

