Grönemeyer zum 70. Geburtstag

«Ich bin Sternzeichen Widder. Das sind die Kindsköpfe»

Herbert Grönemeyer hat Generationen geprägt. Zum 70. Geburtstag spricht er über sein Leben, Musik, das Älterwerden und was er von Friedrich Merz hält.

Herbert Grönemeyer wird heute 70 Jahre alt. Davor erzählt er, was ihm zu seinem runden Geburtstag durch den Kopf geht, warum er für eine Vermögensteuer wäre und welchen eigenen Song er mal im Radio nicht wiedererkannt hat.

Frage: Wie blicken Sie auf Ihren 70. Geburtstag? 

Antwort: Natürlich ändert sich das Denken im Laufe der Jahre. Ich merke schon, dass das Gehirn ab Ende 60 andere Gedanken reinspült, die man vorher so nicht kannte. Man geht quasi ins dritte Drittel und da kann alles passieren. Man entwickelt auch eine gewisse schöne Radikalität. Es ist etwas, auf das man sich mental einstellen muss. Das ist nicht ganz so einfach. 

Frage: Was sind das für Gedanken, die Ihnen durch den Kopf gehen?

Antwort: Wenn man sieht, was in seinem Umfeld geschieht, wie Menschen älter werden oder wer wann wie gestorben ist, denkt man sich schon mal: Okay, das können zehn Jahre sein, das können 20 Jahre sein oder 25. Das rauscht immer mal wieder durch. Das ist nicht etwas, was einen latent beschäftigt, aber natürlich ist das jetzt einen Tick anders, als wenn man 58 Jahre alt ist.

Neue Platte in Planung

Frage: Was wünschen Sie sich für das «dritte Drittel»? 

Antwort: Eine gewisse tänzerische Leichtigkeit, dass ich beweglich bleibe, auch körperlich. Geistig hoffentlich auch, dass sich das Einschränken im Kopf so weit nach hinten verschiebt wie möglich. Schade wäre, wenn man merkt, es stellt sich Stillstand ein, auch künstlerisch. Ich habe gerade erst Dirigieren gelernt und werde nächstes Jahr wieder Konzerte als Dirigent spielen. 

Und: Ich arbeite gerade an einer neuen Platte. Der Plan ist, dass sie Ende des Jahres oder Anfang 2027 kommt. Dann würde ich gerne übernächstes Jahr anfangen, eine Oper zu schreiben. Ich habe einen sehr schönen, sehr traurigen Stoff.

Frage: Sie wollen eine Oper schreiben, arbeiten an einer neuen Platte, nächstes Jahr gehen Sie auf große Tour und Sie wollen weiter dirigieren. Würden Sie sich als rastlosen Menschen bezeichnen?

Antwort: Ich bin Sternzeichen Widder. Das sind die Kindsköpfe, aber es sind auch die Feuerzeichen. Ich glaube, der Kopf braucht Futter im Sinne von: Was fällt dir ein? Was kannst du machen? Das begleitet mich mein ganzes Leben. Ich habe immer schon auf mehreren Hochzeiten gleichzeitig getanzt. Früher habe ich in Bands gespielt, drei verschiedene Sportarten gemacht: Basketball, Tennis, Fußball. Und ich bin auch aufgetreten. Ich kenne das gar nicht anders, dass immer was passiert, aber natürlich diktiert einem das Alter einen anderen Rhythmus.

«Optisch zu altern ist nicht das Allereinfachste»

Frage: Wenn in Ihrem Leben so viel passiert: Können Sie gut mit Langeweile umgehen? 

Antwort: Klar, ich bin ein Meister des Müßiggangs. Ich kann sehr gut rumhängen. Ich kann gut sitzen und vor mich hin sinnieren, stundenlang. 

Frage: Wie gelassen sind Sie vor Konzerten? Haben Sie Lampenfieber?

Antwort: Man hat schon Lampenfieber. Wie schafft man das? Ist man noch attraktiv? Hält die Stimme? Da kommen viele Komponenten zusammen. Das ist wie ein Date: Man verabredet sich neu mit dem Publikum. Die Unwägbarkeiten werden im Alter aber größer. Früher war man ungestümer.

Heute denke ich über viele Faktoren nach - zum Beispiel, wenn man sich selbst auf dem Screen sieht. Optisch zu altern ist generell nicht das Allereinfachste, aber in meinem Falle altert man eben auch öffentlich. Das ist für die eigene Eitelkeit und das Selbstverständnis natürlich ein Prozess, an den man sich gewöhnen muss. 

«Man kann schon mal danebenhauen, das macht nichts»

Frage: Gibt es Lieder oder Songzeilen, die Sie rückblickend anders schreiben würden, oder wo Sie sagen: Das ist mir heute peinlich?

Antwort: Nein, an sich nicht. Ich habe auch schlechtere Lieder geschrieben. «Ich geb' nichts mehr»: Das habe ich mal im Radio gehört und dachte, von wem ist das denn? Bis mir irgendwann auffiel, das ist von mir. Das war auf dem Album «Chaos». Ich finde aber, man kann schon mal danebenhauen, das macht nichts. Auf der anderen Seite weiß ich, dass jede Platte gute Nummern beinhaltet. 

Frage: Was würden Sie Ihrem 30-jährigen Ich heute raten?

Antwort: Vielleicht manchmal durchzuschnaufen, durchzuatmen. Nur Turbo alleine reicht nicht. Aber gleichzeitig habe ich so agiert, wie es meinem Alter gemäß war, also mit der Erfahrung, die ich hatte. Das ist dann auch okay.

Frage: Sie sind auch für Ihr gesellschaftliches Engagement bekannt. In vielen Länder erstarken gerade populistische Kräfte. Was läuft da gerade schief?

Antwort: Das ist sehr komplex. Die Sozialdemokraten oder die Linksliberalen haben ihre Sprache verloren, auch weltweit. Das ist eine Entwicklung, die es schon seit 20, 25 Jahren gibt. Speziell die arbeitende Bevölkerung fühlte sich nicht mehr abgeholt. Da sind die Rechten oder Populisten reingegrätscht. Auch in Deutschland merkt man aktuell, dass die Sozialdemokratie sehr stark wackelt. 

Gleichzeitig muss man sagen, dass wir in Deutschland noch eine große bürgerliche Mitte haben, aber dass auch die CDU anfängt, nach rechts zu schielen, ist gefährlich. Eine Gesellschaft muss versuchen, über die Parteien hinweg Solidargefühl zu haben, egal, wie sehr die Meinungen auseinandergehen. Das Hauptinteresse muss sein, die Menschen zusammenzuhalten. In meinen Augen müsste es eine Renovierung der Demokratie geben. 

Die Menschen haben das Gefühl, durchverwaltet zu werden. Man spricht nicht. Ex-Kanzlerin Angela Merkel hat auch 16 Jahre lang kaum mit den Menschen gesprochen. Sie haben das Gefühl, sie werden von der Politik außen vor gelassen. 

Friedrich Merz hat noch «Bewährungsfrist»

Frage: Wie schlägt sich der aktuelle Kanzler Friedrich Merz aus Ihrer Sicht? 

Antwort: Noch hat er für mich eine gewisse Bewährungsfrist. Er ist ein sehr konservativer Mann, hat sicherlich einen gravierenden Fehler gemacht mit der Brandmauer (Anm.: die Bundestags-Abstimmungen der Union mit der AfD bei Initiativen zur Begrenzung der Migration Anfang 2025). Er ist sich, glaube ich, seiner Aufgabe bewusst, aber er muss zeigen, ob er auch die rechtskonservativen Kräfte in der Partei unter Kontrolle hält.

Frage: Was müsste die Politik jetzt machen?

Antwort: Die Frage bleibt ja, wo sind neue Ideen? Warum gibt es zum Beispiel keine Vermögensteuer mehr? Ich habe die ja bis '96 bezahlt. Und die könnte nur zur Armutsbekämpfung eingesetzt werden, um Menschen, die unter dem Existenzminimum leben, zu helfen. Warum gibt es keinen Bürgerfonds, wo Menschen aus der Gesellschaft wie ich einzahlen, und dieser Fonds wird öffentlich verwaltet? 

Alle schreien immer: Huhuhu, die Rechten kommen! Und es wird alles ganz furchtbar. Aber wo sind denn die Stimmen, die sagen: Wer sind wir? Was wollen wir? Wie wollen wir die Demokratie in die nächsten 10, 20, 30 Jahre entwickeln und retten? Es wird immer nur gesagt: Oh, jetzt wird alles ganz furchtbar. Aber ich glaube, eine Gesellschaft braucht auch Ziele und Ansprache und Mitsprache.

Frage: Würden Sie selbst in die Politik gehen?

Antwort: Nö - aber darüber reden. Eine Gesellschaft ist wie eine Familie. Wenn ich mich mit der Großfamilie treffe und drei davon haben gerade eine schwere Zeit - da würde sich die Familie doch hinsetzen und fragen: Wie können wir helfen? Das ist für mich normales Gebaren in einer Familie. Und das ist für mich auch normales Gebaren in einer Gesellschaft. Dass man daran teilnimmt und denen hilft, denen es gerade schlecht geht. Und dieses Gefühl der gemeinsamen Verantwortung und Solidarität muss entstehen. 

Zur Person: 

Herbert Grönemeyer ist einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Musiker, der Generationen geprägt hat. Sein Album «Mensch» gehört mit mehr als drei Millionen Exemplaren bis heute zu den meistverkauften in Deutschland. Zu seinen Hits zählen Songs wie «Männer», «Flugzeuge im Bauch» oder «Bochum». 

Grönemeyer wurde 1956 in Göttingen geboren, wuchs in Bochum auf und lebt mittlerweile in Berlin. Einen Namen machte er sich zunächst am Theater und beim Film, etwa in der Wolfgang-Petersen-Verfilmung des Buches «Das Boot». Der musikalische Durchbruch gelang ihm 1984 mit der Platte «4630 Bochum». Kommendes Jahr will der Sänger auf Arena-Tour gehen, der Start ist im Mai 2027 in Kiel geplant.