Frauenrechte

Expertin: Wünsche mir, dass kein Mädchen beschnitten wird

Edell Otieno-Okoth ist in Kenia aufgewachsen. Mit 23 Jahren kam sie nach Deutschland, studierte Jura und gründete eine Familie. Der Kampf gegen Genitalverstümmelung ist ihre Lebensaufgabe.

Im Alter von neun Jahren ist Edell Otieno-Okoth das erste Mal mit weiblicher Genitalverstümmelung in Berührung gekommen. «Meine beste Freundin in Kenia war damals ein Mädchen aus unserer Nachbarschaft. Ich bin in ihrem Haus ein- und ausgegangen. Ihre Familie gehörte einer anderen Volksgruppe an, die auch weibliche Genitalverstümmelung praktiziert», erzählt die 43-Jährige, die heute mit ihrer Familie in der Nähe von Bremen lebt.

Nach einer geheimnisvollen Zeremonie im Dorf sei ihre Freundin plötzlich völlig abgetaucht. «Von heute auf morgen war kein Kontakt mehr zu ihr möglich. Ich wurde von ihrer Familie weggescheucht und als unrein beschimpft. Abends konnte ich ihre Schreie hören, wenn ihre Wunden gereinigt wurden.»

Beste Freundin an den Genitalien beschnitten

Was damals geschehen ist, konnte sich Edell Otieno-Okoth erst im Nachhinein erklären: Ihre beste Freundin wurde - wie Millionen andere Mädchen in Kenia und anderen afrikanischen Ländern, aber auch in Indonesien oder im Jemen - an ihren Genitalien beschnitten. Bei dieser unvorstellbar grausamen Praxis wird den Mädchen und jungen Frauen ihre Klitoris entfernt, teilweise auch die kleinen und großen Schamlippen. Bei der pharaonischen Beschneidung wird die vaginale Öffnung zugenäht - und meistens erst in der Hochzeitsnacht wieder geöffnet. Die auch als Female Genital Mutilation/Cutting (FGM/C) bezeichnete Beschneidung der weiblichen Genitalien ist eine schwere Menschenrechtsverletzung und in den meisten Ländern verboten - wird aber trotzdem weiter praktiziert.

«Frauen, die nicht beschnitten sind, gelten in den praktizierenden Gemeinden als unrein», erklärt Edell Otieno-Okoth, die sich seit vielen Jahren gegen FGM engagiert - seit 2020 als Expertin bei der Kinderrechtsorganisation Plan International mit Sitz in Hamburg. FGM sei eine tief verankerte kulturelle Tradition, die auf der Ungleichheit von Frauen und Männern basiere. «Das ist eine extreme Form der Benachteiligung von Mädchen und Frauen. Es geht darum, die Sexualität von Frauen zu kontrollieren. Am Ende sind die Frauen nur da, um die Männer zu befriedigen und Kinder zu gebären», erklärt die Mutter von zwei Kindern, die mit 23 Jahren nach Deutschland kam und hier Jura studiert hat - auch, um sich für Frauen einzusetzen.

Weltweit rund 200 Millionen Mädchen und Frauen betroffen

Durch die Migration ist FGM mittlerweile weltweit verbreitet. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind weltweit rund 200 Millionen Mädchen und Frauen an ihren Genitalien beschnitten - und jedes Jahr sind drei Millionen Mädchen gefährdet, beschnitten zu werden. Um auf diese schwere Menschenrechtsverletzung aufmerksam zu machen, hat die UN-Menschenrechtskommission den 6. Februar zum Internationalen Tag gegen weibliche Genitalverstümmelung erklärt. In Deutschland leben nach Angaben der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes mittlerweile mehr als 100.000 Mädchen und Frauen, deren Genitalien beschnitten wurden, mehr als 17.000 Mädchen in Deutschland seien derzeit potenziell gefährdet.

Seit vielen Jahren ist die Kinderrechtsorganisation Plan International in Ägypten, Äthiopien, Burkina Faso, Guinea, Guinea-Bissau, Mali und Sierra Leone gegen FGM aktiv. «In Zusammenarbeit mit lokalen Partnern führen wir dort Projekte durch, die die Abkehr von dieser Praktik zum Ziel haben», sagt Edell Otieno-Okoth. Wichtig sei es dabei, die Menschen zu überzeugen und ihnen Alternativen anzubieten, auch wirtschaftliche. Zum Beispiel durch alternative Initiationsriten, bei denen die Mädchen nicht beschnitten werden. «Auch sorgen wir dafür, dass Beschneiderinnen auf andere Weise ein eigenes Einkommen erwerben können», sagt die 43-Jährige. In Kenia seien so die Zahlen merkbar zurückgegangen.

Kinderrechtsorganisation Plan arbeitet auch hierzulande

Auch in Deutschland arbeitet Plan mit lokalen Partnerorganisationen zusammen, um die verschiedenen Communities zu erreichen. So kooperiert Plan in Niedersachsen mit dem Verein Baobab - Zusammensein. Dort können Betroffene sich beraten lassen, es gibt Schulungen für Fachkräfte wie Ärzte und Hebammen. «Viele Eltern reisen mit ihren Töchtern in die Heimat, um sie dort beschneiden zu lassen. Erfahren wir von einer geplanten Genitalverstümmelung, informieren wir die zuständigen Behörden, um gemeinsam nach einer Lösung zum Schutz des Mädchens zu suchen.» Auch wenn sie schon viele Menschen zu einem Umdenken bewegen konnte, wünscht sich Edell Otieno-Okoth nur eines: «Dass kein Mädchen mehr beschnitten wird.»