Auf diese Sammlung von Holz und Blech hätte der Chef des deutschen Olympia-Teams sehr gern verzichtet. Immer wieder vierte Plätze statt Edelmetall für den Medaillenspiegel, das trübte die Bilanz von Olaf Tabor bei den Winterspielen in Italien. Diplomatisch mit «Freude, Stolz und einer kleinen Prise Ernüchterung» beschrieb der Leistungssport-Vorstand des Deutschen Olympischen Sportbunds seine Gefühlswelt zum Ende der Wettbewerbe, bei denen die bislang größte DOSB-Delegation ihr Ziel in der Nationenwertung verpasst hat.
Als das arg gerupfte Biathlon-Team dem traurigen Philipp Horn für Platz vier im Männer-Massenstart eine selbstgebastelte Plakette aus Pappe mit der Aufschrift «Sieger der Herzen» umhängte, wirkte das wie ein Symbolbild für die deutschen Olympia-Tage. «Das schmerzt deswegen, weil es irgendwo zwischen Drama und Tragödie abgelaufen ist», sagte Chef de Mission Tabor zur schwarzen Serie knapp geplatzter Medaillenträume.
So reichte es nicht für die Top Drei im Länder-Klassement, wie es der DOSB vorgegeben hatte. Mehr noch als vor vier Jahren in Peking dominierte Norwegen an der Spitze, neben den USA und den Niederländern räumte berauscht vom Heimvorteil auch Gastgeber Italien kräftig ab. Es sei festzustellen, dass andere Top-Nationen «mit ihrem Medaillenpotenzial offenbar sorgsamer umgehen und da, wo es Chancen gibt, diese öfter in Edelmetall ummünzen», sagte Tabor.
Neureuther: Situation ist alarmierend
Als mildernden Umstand macht die deutsche Teamführung geltend, dass die Zahl der Medaillen wie erhofft das Niveau der Corona-Spiele von Peking erreichte. Aber: Es gab deutlich weniger Gold, und mehr denn je musste sich das deutsche Team auf den Eiskanal verlassen. Fast drei Viertel der Medaillen trugen Rodler, Skeleton-Fahrer und Bobpiloten im Cortina Sliding Centre zur Ausbeute bei. In China 2022 waren es noch 12 von 27 gewesen.
«Wenn man den Eiskanal mal ausgrenzt und den Medaillenspiegel betrachtet, dann spielen wir international einfach keine Rolle mehr», urteilte ARD-Experte Felix Neureuther und bezeichnete die Situation des deutschen Leistungssports als «alarmierend».
Eiskanal «unser Rückgrat im Winter»
Der Chef de Mission sieht es weniger dramatisch. «Es ist eine beruhigende Nachricht, dass wir eine Domäne haben mit der Eisbahn», sagte Tabor. Schließlich holten die Niederländer ihre 20 Medaillen ausschließlich im Eisschnelllauf und Shorttrack, die Franzosen konnten sich vor allem auf ihre Biathleten verlassen. Der Eiskanal sei eben «unser Rückgrat im Winter», sagte Tabor.
Julia Taubitz und Max Langenhan eroberten Einzel-Gold im Rodeln und verhalfen in der Staffel den Doppelsitzern Tobias Wendl und Tobias Arlt zum siebten Olympiasieg der Karriere - das ist deutscher Winter-Rekord. Johannes Lochner legte im Bob eindrucksvoll das Image des ewigen Zweiten ab, Laura Nolte triumphierte wie schon in Peking im Zweier-Schlitten.
Zukunftshoffnung Emma Aicher, Gold für Maier und Raimund
Abseits der Eisrinne hängten nur zwei Deutsche den Rest der Konkurrenz ab: Skispringer Philipp Raimund gewann überraschend von der Normalschanze, Skicrosserin Daniela Maier triumphierte hochverdient. Zweimal nur um wenige Hundertstelsekunden raste der neue Alpin-Star Emma Aicher an Gold vorbei, ihr könnte die Ski-Zukunft gehören. Ansonsten aber hielten sich die Ausreißer nach oben im deutschen Team in engen Grenzen.
«Wahrscheinlich ist die Öffentlichkeit nicht wahnsinnig happy mit dem Medaillenspiegel, aber das liegt nicht daran, was unsere Athletinnen und Athleten investiert haben», sagte Olympia-Tourist Jürgen Klopp. Die Fehlschüsse von Biathletin Franziska Preuß, das Slalom-Drama von Lena Dürr, das ernüchternde Viertelfinal-Aus der Eishockey-Cracks um Leon Draisaitl - kaum ein Tag verging ohne große Enttäuschungen.
Nach ein paar Wochen Durchschnaufen werde die Aufarbeitung mit den Teilverbänden beginnen, kündigte Spitzenfunktionär Tabor an. Es dürften einige unbequeme Gespräche werden. Einstige Medaillengaranten wie die Biathleten liefern kaum mehr. Die erfolglosen Kombinierer bangen um ihre olympische Zukunft. Die Eisschnellläufer versinken in internen Verbandsquerelen.
Nichts zur Medaillenausbeute konnten zudem die Snowboarderinnen und Snowboarder, die Eishockey-Teams, die Curler und die Olympia-Debütanten beim Skibergsteigen beitragen. Deutsche Shorttracker waren gar nicht erst qualifiziert. «Wir haben in Deutschland nicht mehr die erforderlichen Strukturen, um international erfolgreich zu sein», warnte Ex-Skirennfahrer Neureuther.
Weiter Streit um Sportfördergesetz
Wie schon nach den Sommerspielen in Paris, als die DOSB-Spitze auf Platz zehn des Medaillenspiegels den schwächsten Ertrag seit der Wiedervereinigung bilanzieren musste, richten sich die Hoffnungen auf die seit langem stockende Spitzensportreform. Eine unabhängige Agentur soll künftig über die Verteilung der Steuer-Millionen und die Strukturen im deutschen Spitzensport entscheiden und ihn so effizienter und international wieder wettbewerbsfähiger machen.
Doch hinter den Kulissen kommt das Gesetzvorhaben nur langsam voran. Politik und Sport streiten um Posten und Machtverteilung. Offen ist, ob der Bundestag das Gesetz wie eigentlich geplant noch vor der Sommerpause verabschieden wird. Ihre volle Wirkung wird die Reform erst in einigen Jahren entfalten können.
Und auch die angestrebte Olympia-Bewerbung, in deren Sog der deutsche Sport auf einen Aufschwung hofft, bleibt vorerst eine Wette auf die Zukunft. Felix Neureuther warnte daher in der «Bild am Sonntag»: «Ich kann Ihnen schon jetzt prognostizieren, dass bei den Winterspielen 2030 in Frankreich der nächste Tiefpunkt erreicht wird.»

